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3. Riten, Feiern, Zeremonien
Ein straff durchorganisierter Dienstplan, die umfangreiche politische Erzie-
hung und eine vernünftige, kultivierte Freizeitgestaltung sollten die Diszi-
plin der Besatzungssoldaten steigern und das „moralisch psychologische
Trauma“,206 das der Kontrast zwischen dem Lebensniveau in Europa und
jenem in der sowjetischen Heimat auslösen konnte, vermindern. Vor diesem
Hintergrund legte man zudem besonderen Wert auf die Zelebrierung sowje-
tischer Riten, Feiertage und Jubiläen während des Auslandseinsatzes. Dazu
gehörten Bestattungszeremonien ebenso wie die Begehung von Festtagen des
sozialistischen Jahreskreises, etwa dem Tag der Großen Sozialistischen Okto-
berrevolution.
Öffentlich zelebriert und propagandistisch verwertet wurden auch die
zahllosen Kranzniederlegungen und Ehrenformationen an den Gräbern
österreichischer Komponisten, die nicht nur die Hochachtung für die öster-
reichische Musik und Kultur unterstreichen, sondern auch Vorurteile ge-
genüber der „sowjetischen Barbarei“ entkräften sollten. Semen Gudsenko
notierte dazu in seinem Armeetagebuch: „Wien. In der von den deutsch-fa-
schistischen Besetzern befreiten Stadt. Auf dem Zentralfriedhof befinden sich
die Denkmäler der größten Komponisten. Beethoven, Mozart, Strauß. Unsere
Kämpfer und Offiziere besuchen diese Plätze, um die Genies der Musik zu
ehren.“207 Als zentraler Bestandteil der sowjetischen Ikonografie der Befrei-
ung Österreichs fanden diese Zeremonien unter anderem in visuellen Medien
oder den Erinnerungen ehemaliger Besatzungssoldaten ihren Niederschlag,
wodurch sie nachhaltig das ideologische Selbstverständnis prägten.
3.1 Bestattungen und Friedhöfe
3.1.1 Mortalität
Rund 26.000 sowjetische Soldaten verloren bei den Kämpfen in Österreich
ihr Leben, allein 18.000 bei der „Schlacht um Wien“.208 Geht man von 400.000
Rotarmisten aus, die zu Kriegsende auf österreichisches Territorium gelang-
ten, ergibt sich daraus eine Mortalitätsrate von beinahe sieben Prozent. Dabei
206 Simonow, Aus der Sicht meiner Generation, S. 104.
207 Klein, Die Russen in Wien, S. 175.
208 Rauchensteiner, Der Krieg in Österreich, S. 191; Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx, Einleitung, in:
Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung
1945–1955. Beiträge. Graz – Wien – München 2005, S. 9–18, hier: S. 9.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918