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3. Riten, Feiern, Zeremonien 621
plan der genannten Objekte, eine Skizze der Monumente sowie eine Namens-
liste der beigesetzten Militärangehörigen vorzulegen. Gleichzeitig war der
Zustand jeder dieser Anlagen genauestens zu überprüfen. Die Bürgermeister
hatten für eine rechtzeitige Schneeräumung Sorge zu tragen.241
Ein prominentes Beispiel für die früh erfolgte Überantwortung ist der
„Zentrale Militärgarnisonsfriedhof von im Kampf um Wien gefallenen Mi-
litärangehörigen der Roten Armee“ auf dem Wiener Zentralfriedhof, dessen
Betreuung Stadtkommandant Generalleutnant Lebedenko am 13. August
1946 offiziell dem Magistrat Wien unter Bürgermeister Theodor Körner über-
trug. Die im Auftrag von Marschall Konev und Lebedenko errichtete Anlage
bestand zu diesem Zeitpunkt aus einem Obelisken, zwei Denkmälern, einer
108 Meter langen Einzäunung, einer Skulpturengruppe aus zwei Sowjetsol-
daten mit gesenkten Fahnen, die ein symbolisches Tor zum Mahnmal bilden,
einem weiteren Obelisken auf dem Massengrab, 209 Offiziersgräbern sowie
420 Unteroffiziers- und Mannschaftsgräbern. Zwischen den Gräbern waren
1,20 Meter hohe Thujen gepflanzt worden.242
Das Magistrat Wien sicherte schriftlich zu, die Anlage im „gebührenden
Zustand“ zu erhalten, die Gräber „systematisch“ zu pflegen sowie von der
Firma Potz zu verlangen, unter anderem noch fehlende Inschriften anzubrin-
gen. Außerdem wurde vereinbart, dass fortan das Magistrat die Umbettung
sowjetischer Soldaten aus Einzel- und Massengräbern in Wien auf den Zen-
tralfriedhof zu veranlassen hatte.243 Noch heute ist die Anlage beinahe unver-
ändert erhalten. Sie wurde lediglich im Mai 2007 um zwei orthodoxe Kreuze
erweitert.
Trotz der 1955 im Staatsvertrag verankerten Regelungen wurden die viel-
fach despektierlich als „Russenfriedhöfe“ bezeichneten Anlagen mitunter eher
stiefmütterlich behandelt. Manche Grabsteine verloren im Laufe der Jahrzehn-
te Form und Farbe, zahlreiche Inschriften sind stark verwittert. Bis vor Kur-
zem war ein beachtlicher Teil der als „unbekannt“ beigesetzten Verstorbenen
nicht identifiziert, weswegen Angehörige die Grabstätte nicht auffinden konn-
ten. In der Steiermark etwa waren nur fünf Prozent der sowjetischen Kriegs-
toten namentlich bekannt. Dank der Initiative von Peter Sixl konnten nun 90
241 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 37, Schreiben des stv. Leiters des Stabes der CGV,
Oberst Sal’nikov, an die Stadtkommandanten der sowjetischen Besatzungszone Österreichs über
die Erfassung von Militärfriedhöfen in Österreich, 7.2.1948.
242 CAMO, F. Berndorf, op. 314018s, d. 1, S. 2f., Akt über die Übergabe der sowjetischen Kriegsgräber-
anlage auf dem Wiener Zentralfriedhof in die Zuständigkeit des Magistrats Wien, 13.8.1946. Siehe
dazu auch die Abbildung des sowjetischen „Kriegerdenkmals“ in: Hannes Leidinger – Verena Mo-
ritz, Russisches Wien. Begegnungen aus vier Jahrhunderten. Wien – Köln – Weimar 2004, S. 181.
243 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918