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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual624
„feindlicher Diversion, außerordentlichen Vorfällen und amoralischen Er-
scheinungen“ einen Riegel vorzuschieben.253 Dazu stellte man etwa spezielle
Patrouillen zusammen, die in den Einheiten für Ordnung zu sorgen hatten.254
Die Löschgeräte mussten überprüft und vorbereitet, zusätzliche Wachen an
neuralgischen Orten wie Brunnen und Lebensmittellagern aufgestellt wer-
den. Offensichtlich wurden Sabotageakte befürchtet, denn der Zutritt zu den
Stationierungsorten der Garnisonen war auf „ein Minimum“ zu beschränken,
und Lebensmittel sowie Getränke durften ohne vorhergegangene medizini-
sche Überprüfung nicht konsumiert werden.255
Der sowjetische Staatsfeiertag wurde allerdings nicht nur von Angehöri-
gen der Besatzungsmacht, sondern – nolens volens – auch von der einheimi-
schen Bevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone gefeiert. Aus „An-
lass des hohen Feiertages“ habe im Mühlviertel die gesamte Arbeit zu ruhen,
verlautbarte die zuständige Zivilverwaltung etwa 1947.256 Vier Jahre später
hieß es, man müsse im „Bestreben nach freundschaftlichen Beziehungen zur
Sowjetunion“ dem Nationalfeiertag „wie bisher“ gedenken. Denn, so die Er-
läuterung, „diesen Tag feiert in gleicher Weise wie das russische Heimatvolk
auch die derzeit im Mühlviertel befindliche Sowjetarmee“.257
Der erste in Österreich begangene Jahrestag der Oktoberrevolution stell-
te aus sowjetischer Sicht einen Erfolg dar: Man konstatierte bei der Bevöl-
kerung „feierliche Lebendigkeit“, „Massenkundgebungen von Werktätigen“
und auf vielen Gebäuden gehisste österreichische und sowjetische Fahnen.
Bereits 1946 standen die Feierlichkeiten jedoch unter dem Eindruck „einer
verstärkten Tätigkeit reaktionärer österreichischer Kräfte“ und einer inten-
siveren antisowjetischen Propaganda, klagte die 7. Abteilung der Politischen
Verwaltung der CGV. Österreichische Kommunisten, die den Jahrestag bege-
hen wollten, seien auf Widerstand gestoßen. Bewusst, so die Vermutung, hät-
ten „örtliche reaktionäre Kräfte“ Gerüchte darüber verbreitet, dass in einigen
253 Ebd.
254 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 17, Anordnung Nr. 0129 des Leiters des Stabes der 4.
Garde-Armee, Garde-Generalmajor Fomin, über die Begehung des 28. Jahrestages der Oktoberre-
volution, 27.10.1945.
255 CAMO, F. 863, op. 1, d. 53, S. 261, Befehl Nr. 068 des Leiters der Garnison Melk, Garde-Generalleut-
nant Birjukov, über die Verstärkung der Bewachung und Vorsicht vor und an den Feiertagen in der
Garnison, 4.11.1945.
256 OÖLA, BH Perg, Staatsfeiertag der Sowjetunion 1947, Rundschreiben der Bezirkshauptmannschaft
Perg an alle Gemeindeämter betreffend Arbeitsruhe am sowjetischen Nationalfeiertag, 4.11.1947.
Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 129.
257 OÖLA, ZVM, Erlässe, Schachtel 140, 1951, 3232-2293, Rundschreiben der Schulabteilung der Zivil-
verwaltung Mühlviertel über die Begehung des sowjetischen Nationalfeiertages in der sowjetischen
Besatzungszone Oberösterreichs an allen Schulen, 9.10.1951. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx
– Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 130.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918