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3. Riten, Feiern, Zeremonien 625
Gebieten kurz vor den Feierlichkeiten die Stromversorgung unterbrochen
werden würde.258
3.2.2 Weihnachten und Neujahr
Eine besondere Rolle fiel den Weihnachts- bzw. Neujahrsfeiern zu, prallten
doch gerade in diesem Bereich die unterschiedlichen Weltanschauungen auf-
einander. Traditionellerweise wurde auch in Österreich die Silvesternacht
von Angehörigen der sowjetischen Besatzungsmacht ausgiebig gefeiert,
wozu Geschenke ebenso gehörten wie dekorierte Neujahrstannen. Im sozi-
alistischen Jahreskreis hingegen war für das von der orthodoxen Kirche am
6. Jänner gefeierte Weihnachtsfest kein Platz.
Umso bemerkenswerter ist daher die intensive Unterstützung bei der
Bereitstellung von Weihnachtsgeschenken und Tannen für österreichische
Kinder seitens der Sowjets. „Der sowjetische Stadtkommandant von Wien,
Generalmajor Borejko, ladet im Namen der Sowjetarmee die österreichischen
Kinder zum Weihnachtsfest am 24. Dezember 1949 um 14 Uhr in der Hofburg
in Wien. Programm: 1. Begrüßung unterm Weihnachtsbaum; 2. Weihnachts-
spiele; 3. Bescherung; 4. Kinderkonzert; 5. ein Kinderfilm“, lautete eine der
unzähligen Einladungen. Die Vorderseite der Karte zeigte einen sowjetischen
Soldaten mit zwei beschenkten Kindern, die von Väterchen Frost, einem
Kremlturm und einer geschmückten Tanne mit rotem Stern umringt waren.
Die Rückseite zierte ein Sowjetstern mit Sichel und Hammer.259
Seit 1945 stellte die sowjetische Seite jährlich Tannenbäume und Geschen-
ke für österreichische Kinder bereit. 1950 wurden per Politbürobeschluss des
ZK der VKP(b) dafür 150.000 Schilling freigegeben,260 1951 standen der SČSK
250.000 Schilling zur Verfügung, 1952 standen 350.000 Schilling zur Debat-
te.261 Mehr als 43.000 Kinder erhielten 1954 „Neujahrsgeschenke“, rund 55.000
Kinder nahmen an den „Festen der Neujahrstanne“ teil, wie die bezeichnen-
de Diktion etwa gegenüber dem ZK der KPdSU lautete.262
258 RGASPI, F. 17, op. 128, d. 118, S. 285f., Bericht der 7. Abteilung der Politischen Verwaltung der
CGV über die Feierlichkeiten zum 29. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution,
20.11.1946. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok.
Nr. 126.
259 AdBIK, Sammlung Grünanger, Einladung zum Weihnachtsfest 1947.
260 Ruggenthaler, Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde, S. 716.
261 RGANI, F. 3, op. 8, d. 4, S. 29, Schreiben von Ja. Malik an Stalin über die Freigabe von Mitteln für
den Ankauf von Bäumen und Geschenken für Kinder von österreichischen Arbeitern, 24.11.1952.
262 RGANI, F. 5, op. 28, d. 331, S. 91–95, Bericht des stv. Leiters der Abteilung für innenpolitische und
ökonomische Fragen der SČSK, G. Denisov, über die Feier von Neujahrstannen für österreichische
Kinder 1954, 20.1.1955.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918