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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual628
Gleichzeitig wurden allein auf dem Wiener Zentralfriedhof mehr als hundert
Kränze auf die Gräber gefallener sowjetischer Soldaten gelegt. Zufrieden re-
gistrierte der Leiter der politischen Verwaltung der CGV, General-Major Kla-
dovoj, die zahlreichen Versammlungen vor allem der KPÖ, auf denen „Dank
der Sowjetischen Armee“ oder „Sei gegrüßt Generalissimus Stalin“ skandiert
wurde. Doch vermerkte man bereits zunehmenden Widerstand gegen die-
se Veranstaltungen, nicht nur vonseiten „reaktionärer Kreise“, sondern auch
seitens der Westalliierten. Im Gegensatz zu 1946 hatten die Hochkommissare
die Einladung Lebedenkos abgelehnt, an der Parade am 13. April 1947 teil-
zunehmen. Generalmajor Kladovoj erklärte dies idealisierend damit, dass im
vorangegangenen Jahr die Bevölkerung Wiens während der Parade ihre „be-
sondere Sympathie gegenüber der Roten Armee“ zum Ausdruck gebracht
habe. Wenig erfreut verzeichnete man zudem „verleumderische“ Artikel in
der österreichischen Presse wie jenen von Oscar Pollak mit der Überschrift
„Von der Befreiung zur Freiheit“, in dem die Schattenseiten von Befreiung
und Besatzung zum Ausdruck kamen.269
Umgekehrt nahm die sowjetische Seite kritische Stimmen unter der öster-
reichischen Bevölkerung gegen die westlichen Besatzungsmächte umso freu-
diger wahr und dokumentierte diese ausgiebig für Moskau. Eine dankbare
Zielscheibe für Kritik bzw. Spott waren unter anderem die Schottenröcke, die
britische Armeeangehörige auf der großen Parade durch Wien anlässlich des
Jahrestages der Befreiung Österreichs trugen. Diese provozierten anschei-
nend Fragen wie: „Können die Tanten auch schießen?“ Zitate, die die Fran-
zosen als „fünftes Rad am Wagen“ bezeichneten, wurden ebenfalls von der
Propagandaabteilung der SČSK erfreut gesammelt. Vor diesem Hintergrund
sollte sich die berichtete positive Aufnahme der Sowjetischen Armee umso
deutlicher abzeichnen.270
Bis 1955 wurden diese Jahrestage termingerecht begangen. In kleineren
Städten wie Zwettl veranstaltete charakteristischerweise die Österreichisch-
Sowjetische Gesellschaft in Absprache mit der jeweiligen Bezirkskomman-
dantur Feiern auf sowjetischen Soldatenfriedhöfen, die mit Kranznieder-
legungen und Ansprachen einhergingen. Dabei wurde besonders auf die
Verdienste der Roten Armee anlässlich der Befreiung eingegangen. Zu die-
269 CAMO, F. 275, op. 311389s, d. 20, S. 96–102, Sonderbericht des Leiters der politischen Verwal-
tung der CGV, Generalmajor Kladovoj, über die Begehung des zweiten Jahrestages der Befreiung
Wiens durch die Rote Armee, 30.4.1947; O. P., Von der Befreiung zur Freiheit, in: Arbeiter-Zeitung,
12.4.1947, S. 1f.
270 AVP RF, F. 66, op. 24, d. 20, S. 70–74, Bericht des Leiters der Propagandaabteilung der SČSK,
Oberstleutnant Pasečnik, über die Feier des „Tags des Sieges“ in Österreich am 8.5.1946 [nach dem
8.5.1946].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918