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I. Bilder der
Besatzung640
1.2 „The Great Waltz“
Einen der wichtigsten Bestandteile der sowjetischen Ikonografie der Befrei-
ung Österreichs stellen die Kranzniederlegungen am Grabmal von Johann
Strauß dar. Dieses Sujet fand Eingang in öffentliche wie private Erinnerungs-
und Verarbeitungsformen, die die Assoziationskette „Strauß – Wienerwald
– Frühling – Kriegsende in Wien“ immer wieder aufleben ließen und lassen.
Der Walzerkönig – und mit ihm ein musikalisches Genre – entwickelte sich
zum akustisch-visuellen Symbol für das aus sowjetischer Sicht erfolgreiche
und positive Aufeinandertreffen zweier militärischer und ideologischer Geg-
ner zu Kriegsende, die sich zunehmend als „perfekte Tanzpartner (Befreier
und Befreite)“48 arrangierten.
Es entsprach zugleich der sowjetischen Politik, diesen „typisch österrei-
chischen“ Faktor zu betonen. Basierend auf der Moskauer Deklaration lau-
tete die generelle Devise im April 1945, klar zwischen „Österreichern und
deutschen Besatzern“ zu unterscheiden, „erbarmungslos mit den deutschen
Unterjochern“ abzurechnen, das „friedliche österreichische Volk“ hingegen
zu verschonen.49 Die öffentlich zelebrierte Verehrung eines österreichischen
Komponisten passte ideal in dieses Konzept.
Einer der Hauptgründe, weswegen die Wahl ausgerechnet auf Johann Strauß
(Sohn) fiel, liegt im Hollywoodfilm „The Great Waltz“, der im November 1938 in
den USA Premiere hatte und im Februar 1939 für die beste Kameraführung mit
einem Oscar ausgezeichnet wurde. Die fiktive Biografie des Komponisten unter
der Regie von Julien Duvivier kam nach dem Einmarsch der sowjetischen Trup-
pen in Ostpolen und in die baltischen Staaten als Beutefilm in die Sowjetunion,
lief dort ab dem 23. Juni 1940 unter dem Titel „Boľšoj vaľs“ in den Kinos und
erlangte enorme Popularität. Von amerikanischen Kritikern auch als „The Great
Schmaltz“ und „Sach[er]torte of pleasure“ bezeichnet, gehörte er angeblich zu
Stalins Lieblingsfilmen. Bis heute ist der Film nirgendwo sonst so erfolgreich
wie in Russland. In Österreich und Deutschland blieb er hingegen – analog zu
den amerikanischen Österreichfilmen „The Sound of Music“50 oder Billy Wilders
„Stalag 17“51 – weitgehend unbekannt.52
48 Wurm, Walzer der Freiheit, S. 224.
49 Tagesbefehl des Militärrats an die Truppen der 3. Ukrainischen Front, 4.4.1945. Abgedruckt in: Kar-
ner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 9. Siehe dazu auch das
Kapitel A.II.1.4 „‚Jedmöglichste Hilfe‘: Aufrufe an die Bevölkerung“ in diesem Band.
50 The Sound of Music, USA 1965, Regie: Robert Wise, Darsteller: Julie Andrews, Christopher Plum-
mer, Eleanor Parker.
51 Stalag 17, USA 1952, Regie: Billy Wilder, Edwin Blum, Darsteller: William Holden, Don Taylor, Otto
Preminger. Vgl. dazu auch: Stelzl-Marx, Zwischen Fiktion und Zeitzeugenschaft, S. 267–281.
52 Julia Köstenberger, The Great Waltz/Bol’shoj val’s – filmisch transportierte Österreichbilder, in:
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918