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1. Dokumentarfilme 641
1.2.1 Prägung der Kriegsgeneration
In der Sowjetunion bot „The Great Waltz“ den Menschen einen imaginären
Zufluchtsort vor den Schrecken des Krieges. Etwas traurig, aber mit einem
Happy End à la Hollywood lässt er den Zuseher in eine beinahe heile Welt
voll von Walzerklängen, Liebe und den Freuden des Lebens eintauchen –
passend zu Stalins Worten: „Das Leben wurde besser, Genossen, das Leben
wurde fröhlicher.“53 Darüber hinaus thematisierte der Film die Revolution
von 1848, die im Kontext der Einführung der Stalin’schen Verfassung von
1936 eine wesentliche Rolle spielte. Strauß avanciert hier zum Revolutionär
und König der Massen, der sich klassentheoretisch richtig verhält, indem er
sich von seiner adeligen Gönnerin ab- und der einfachen Bäckerstochter zu-
wendet und für das Ideal kämpft.54 Seine Haltung, aus der heraus er sich 1848
den Habsburgern widersetzte, konnte zudem als Anspielung auf den „An-
schluss“ interpretiert werden.55
Bezeichnend für die Wirkung von „The Great Waltz“ ist die Schilderung
des berühmten russischen Regisseurs Eľdar Rjazanov, der ihn 1944 als Stu-
dent gesehen hatte: „Ich glaube, dass der Film vor allem deswegen verblüffte
und sich einprägte, weil er sich stark von dem unterschied, was uns umgab,
von der Kriegswirklichkeit. Wir, halb verhungerte Studenten, gingen in den
Vorführsaal, und mit dem Kopf versanken wir in ein völlig anderes Leben –
mit Helden in schönen Gewändern, Bällen, Banketten, herrlicher Musik.“56
„The Great Waltz“ prägte insbesondere die Generation des „Großen Vater-
ländischen Krieges“ und somit jene sowjetischen Soldaten, die nur geraume
Zeit später nach Österreich kamen. Der Journalist Leonid Stepanov, der nach
Kriegsende sechs Jahre in Österreich lebte, betont in seinen Erinnerungen,
dass er den Film 1940 „Tag für Tag“ gesehen und dafür sogar die Schule ge-
schwänzt habe: „Wir waren betört durch die Musik, zum ersten Mal im Le-
ben verliebten wir uns. Wir verliebten uns in das ferne, unerreichbare Wien,
elegant, singend, tanzend. So verliebt man sich in den alten Ritterromanen
Karin Moser (Hg.), Besetzte Bilder. Film, Kultur und Propaganda in Österreich 1945–1955. Wien
2005, S. 303–322, hier: S. 303, 309; Wurm, Walzer der Freiheit, S. 231.
53 Pavel Toper, Blick aus Moskau: Verschiedene Bilder einer Stadt. Wien in der Sowjetliteratur im Zei-
chen des Zweiten Weltkriegs, in: Gertraud Marinelli-König – Nina Pavlova (Hg.), Wien als Magnet?
Schriftsteller aus Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa über die Stadt. Wien 1996, S. 69–109, hier: S. 83.
54 Wurm, Walzer der Freiheit, S. 231f.
55 Marsha Siefert, Russisches Leben, sowjetische Filme: Die Filmbiografie, Čajkovskij und der Kalte
Krieg, in: Lars Karl (Hg.), Leinwand zwischen Tauwetter und Frost. Der osteuropäische Spiel- und
Dokumentarfilm im Kalten Krieg. Berlin 2007, S. 133–170, hier: S. 142f.
56 Anna Dymkovec, Svjaz’ vremen, in: Parlamentskaja gazeta, 20.8.2004. Zit. nach: Köstenberger, The
Great Waltz, S. 319.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918