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1. Dokumentarfilme 643
mit dem Film in Verbindung: „Vor dem Krieg gab es bei uns den wunderba-
ren Film ‚Der große Walzer‘. Er wurde von einem französischen Regisseur
mit einer sehr guten Schauspielerin und Sängerin, der russischen Emigrantin
Meliza Korjus, in den USA gedreht. Sie hat so gut gespielt, war eine so schöne
Frau, und sie sang so wunderbar. Alle sowjetischen Menschen haben diesen
Film unzählige Male gesehen. Strauß war bei uns als Operettenkomponist be-
kannt, aber berühmt wurde er erst durch den Film. Als wir über den Friedhof
[in Wien] gingen, sagten die Soldaten: ‚Oh, Strauß! Mensch, könnt ihr euch
an den Film ‚Der große Walzer‘ erinnern? Johann Strauß, der Komponist!‘“60
Zugleich trug Chaldej auch selbst durch seine Aufnahmen von sowjetischen
Soldaten, die Kränze am Grabmal von Strauß niederlegten, zur Verbreitung
der Assoziationskette von der Befreiung Wiens durch die Rote Armee und
die Ehrerweisungen an Johann Strauß bei.61
Analog dazu kann man auch in einem Großteil der sowjetischen Literatur,
die über das Wien der Kriegs- und Nachkriegsjahre geschrieben wurde, Re-
miniszenzen an den Film „The Great Waltz“ oder an Strauß finden.62 Grigorij
Savenok etwa lässt in „Venskie vstreči“ den Dolmetscher der Wiener Stadt-
kommandantur folgenden Rat erteilen: „Fahren Sie im Frühling hierher, in
unseren Wienerwald. Kommen Sie früh am Morgen, wenn die Sonne gerade
über Wien aufgeht und die Vögel erwachen, um mit einem Lied die Geburt
des neuen Tages zu begrüßen. Gehen Sie in das Dickicht, setzen Sie sich hin,
schließen Sie die Augen und hören Sie. Und Sie werden ‚G’schichten aus dem
Wienerwald‘ hören. Nein, lachen Sie nicht, Genosse Oberst. Sie werden sie
hören, unbedingt hören. Denn, ich versichere Ihnen, der große Strauß erfand
nichts, erdichtete nichts, als er seine ‚G’schichten‘ auf Notenpapier übertrug.
Er saß nur da, hörte und schrieb.“63
Vjačeslav Bunin, der von Kriegsende bis 1950 im Stab der CGV in Baden
gedient und anschließend für weitere fünf Jahre in Wien stationiert gewesen
war, nannte seine Erzählung über Wien sogar „Venskij val’s“ – „Wiener Wal-
zer“. Einleitend verweist auch er darauf, wie ihn der Film bereits im Vorfeld
geprägt hatte: „Die Liebe zu dieser Stadt wurde am Vorabend des Krieges
geboren, als in einem Dorfklub an meinem Wohnort ein – sowohl hinsicht-
lich der Handlung als auch der Zusammensetzung der Schauspieler – her-
vorragender amerikanischer Musikfilm gespielt wurde, der sich zur Gänze
60 Jewgeni Chaldej, Der Große Vaterländische Krieg, in: Ernst Volland – Heinz Krimmer (Hg.), Jewge-
ni Chaldej. Der bedeutende Augenblick. Leipzig 2008, S. 44–109, hier: S. 79.
61 Siehe dazu auch das Kapitel C.I.2.1 „Zwischen Inszenierung und Dokumentation: Propagandafoto-
grafie“ in diesem Band.
62 Toper, Blick aus Moskau, S. 84.
63 Savenok, Venskie vstreči, S. 95.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918