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I. Bilder der
Besatzung650
die Rolle der Roten Armee bei der Befreiung Wiens einerseits und die aktu-
elle Gefahr der Rückkehr des „Faschismus“ andererseits aus. Den Auftakt zu
diesem Sujet macht – wer sonst – Johann Strauß, der visuell über eine Kut-
sche als Relikt seiner Zeit und das bereits erwähnte Denkmal, akustisch über
Walzerklänge und den folgenden vorgetragenen Off-Kommentar eingeführt
wird: „Das alte Wien. Mit so einer [Kutsche] fuhr Johann Strauß. Ach, Johann
Strauß, der unvergleichbare Strauß. Erinnern Sie sich an die ‚Geschichten aus
dem Wienerwald‘?“ Der Kommentator schwelgt über das „gute, alte Wien“,
ohne weitere Klischees wie einen Heurigenbesuch auszulassen. „Und die Po-
litik?“, lautet unverhofft die Frage, die dem vorangegangenen Konglomerat
aus Strauß, Wienerwald und Wein einen ironischen Unterton verleiht. Da
gäbe es Wichtigeres, zitiert er scheinbar die Einstellung eines jungen Pär-
chens auf einer Parkbank und zweier Wientouristen.94
Letztere erlauben zugleich die Überleitung zum Kriegsende 1945. Den
Touristen würden wohl kaum die Spuren gezeigt werden, welche die Ge-
schichte selbst auf den Wänden hinterlassen hatte, lautet die rhetorische
Frage des Off-Kommentators. Zu den bekannten Bildern vorrückender Rot-
armisten und sowjetischer Panzer in Wien, des brennenden Stephansdoms
und herabstürzender NS-Insignien wird, von dramatischer Musik untermalt,
eindringlich gemahnt: „Die sowjetischen Soldaten befreiten Wien von dem
verfluchten Hakenkreuz. Fast sind die Aufschriften auf den Wohnblöcken, in
denen sie Minen entschärften, verwischt. Doch die Bevölkerung erinnert sich.
Die Dankbaren erinnern sich und bereiten den sowjetischen Besuchern einen
warmherzigen Empfang, die Österreich geholfen hatten, ein unabhängiges,
friedliebendes und neutrales Land zu werden. Doch die anderen? Die ande-
ren versuchen, das zu vergessen.“95
Der Zuseher wird nicht lange im Unklaren gelassen, um wen es sich bei
den „anderen“ handeln könnte: Hakenkreuze an Hauswänden verweisen
auf nach wie vor aktive „Faschisten“, Kirchenportale und Glockenläuten auf
die katholische Kirche, Zeitungen wie der „Kurier“ auf das Medienorgan der
SPÖ. Dem tradierten Denken in Freund- und Feind-Kategorien wird in die-
sen beiden Dokumentarfilmen der Tauwetterperiode unter Chruščev einmal
mehr Vorschub geleistet.96
der Tschubarjan – Günter Bischof – Viktor Iščenko – Michail Prozumenščikov – Peter Ruggentha-
ler – Gerhard Wettig – Manfred Wilke (Hg.), Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow.
Innsbruck – Wien – Bozen 2011, S. 735–758.
94 RGAKFD, Nr. 15794, Avstrija vstrečaet poslanca mira.
95 Ebd.
96 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918