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2. Fotografien 653
Grundsätzlich sollten nur jene Sujets fotografiert werden, die den Leser zum
Kampf gegen den Feind mobilisierten und andererseits eine glückliche Zu-
kunft versprachen. Bilder vom Rückzug oder von verlorenen Kämpfen hätten
demoralisierend und somit kontraproduktiv gewirkt. Neben dieser binären
Doppelstruktur ihrer Botschaft blieb jedoch ein relativ großer Freiraum, den
viele Fotografen auch zu nutzen wussten. Im Gegensatz zu den Bildbericht-
erstattern in der Wehrmacht unterlag ihre Arbeit offensichtlich einem gerin-
geren zentralen Zugriff, wodurch zahlreiche Bilder entstanden, die durch
keinen Propagandaauftrag erklärbar sind.101
Auch in Österreich waren mehrere offizielle Fotografen tätig, die den
Einmarsch der Roten Armee und die Befreiung Wiens sowie des Ostens des
Landes dokumentierten. Der Prominenteste unter ihnen war Evgenij Chaldej,
der ab 1944 den Vormarsch der 3. Ukrainischen Front als Fotograf begleitete
und die Eroberungen von Sofia, Bukarest, Budapest, Belgrad und Wien doku-
mentierte.102 Wenige Tage nach dem Kriegsende in Wien flog er nach Berlin,
um dort mit dem Rotarmisten, der auf dem Berliner Reichstag die Fahne der
Sieger hisst, die „Ikone des Zweiten Weltkrieges“ aufzunehmen. Die zwei-
te Uhr am Handgelenk eines der Soldaten, ein offensichtlicher Hinweis auf
Plünderungen, retuschierte er nach seiner Rückkehr nach Moskau.103 Weitere
Fotografen waren etwa Ol’ga Lander, die den Ehrentitel als „einzige Frau un-
ter den sowjetischen Fotografen des Zweiten Weltkriegs an der Front“ erhielt,
Vladimir Gal’perin sowie Anatolij Grigor’ev, der auch nach dem Krieg als
Bildredakteur tätig war. Mehr als 400 ihrer Fotos publizierte Erich Klein in
dem 1995 erschienenen Band „Die Russen in Wien“, der einen gelungenen
Einblick in die sowjetische Bildchronik der Roten Armee in Wien gibt.104
Bei einigen der Bilder ist eine Inszenierung entweder deutlich sichtbar
oder durch Zeitzeugenaussagen überliefert. Eindeutig stehen etwa die aufge-
stellten Gruppen- und Einzelporträts zu ihrer Inszenierung. Manchmal ließen
sich auch die Fotografen bei ihrer Arbeit ablichten, wodurch sie selbst ein Teil
der Inszenierung wurden.105
101 Ebd., S. 11f.; Valerij Stignejew, Michail Sawin. Biographische Anmerkungen, in: Deutsch-Russi-
sches Museum Berlin-Karlshorst (Hg.), Das mitfühlende Objektiv. Michail Sawin. Kriegsfotografie
1941–1945. Sopereživajuščij ob’ektiv. Michail Savin. Voennaja fotografija 1941–1945 gg. Berlin 1998,
S. 13–31, hier: S. 19. Zum „Marketingsystem“ unter Stalin vgl. Nicolas Werth – Marc Grosset, Die
Ära Stalin. Leben in einer totalitären Gesellschaft. Aus dem Französischen übersetzt von Enrico
Heinemann. Stuttgart 2008.
102 Ernst Volland – Heinz Krimmer, Biografie, in: Ernst Volland – Heinz Krimmer (Hg.), Jewgeni Chal-
dej. Der bedeutende Augenblick. Leipzig 2008, S. 14–23, hier: S. 16.
103 Alexander Nakhimovsky – Alice Nakhimovsky, Witness to History. The Photographs of Yevgeny
Khaldei. Denville 1997, S. 11.
104 Klein, Die Russen in Wien.
105 Vgl. dazu etwa die zwei Fotos in ebd., S. 178f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918