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I. Bilder der
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Komponente erhalten.113 Daneben findet auch der „sowjetische Alltag“ an der
Front und im befreiten Österreich seinen Niederschlag. Die Fotos zeigen Rot-
armisten beim Schachspielen, Briefeschreiben, Reckturnen, Chorsingen, Bala-
laikaspielen oder bei der Zeitungslektüre – also bei der von der militärischen
Führung vorgegebenen „sinnvollen Freizeitgestaltung“. Wenig überraschend
gibt es außerdem Aufnahmen von Besuchen der Denkmäler österreichischer
Dichter und Komponisten, allen voran von Johann Strauß, oder ein Porträt
eines Oberleutnants, „Künstler der Schwarzmeerflotte“, wie er gerade ein
Bild malt. Die Konnotation von Kriegsende und Frühling greifen Fotos von
sowjetischen Soldaten auf, die mit Zweigen in den Händen unter blühenden
Bäumen flanieren.114
Feindliche Soldaten wurden im Gegensatz dazu kaum abgelichtet – mit Aus-
nahme von Gefallenen oder Kriegsgefangenen. Die teilweise erhöhte Perspek-
tive bei diesen Fotos verleiht dem Betrachter nicht nur einen guten Überblick
über die Lage, sondern vermittelt zugleich den Standpunkt der Überlegenheit
über den Feind.115 Diese Aufnahmen kontrastieren die Stärke der sowjetischen
Streitkräfte und die Schwäche des Gegners. Gleich mehrere Fotos zeigen ös-
terreichische Passanten, die im Vorübergehen auf die auf der Straße liegenden
Leichen hinunterblicken.116 Fotos von abgetrennten Gliedmaßen oder einem
Kopf tragen etwa den Titel: „Das ist alles, was von einem deutschen Soldaten
blieb.“117 In diesen Bildern der gefallenen Feinde ist – ähnlich wie in den Auf-
nahmen von Kriegsgefangenen – ein Stück Erleichterung darüber zu finden,
dass die Toten nun keine Gefahr mehr für das eigene Leben darstellen.118
Der österreichischen Zivilbevölkerung wird hingegen vergleichsweise viel
Platz eingeräumt. Abgebildet sind Einheimische, die winkend sowjetische
Panzer begrüßen, Frauen, die sich freundlich mit sowjetischen Soldaten un-
terhalten und mit ihnen vor dem Parlament tanzen, oder Wienerinnen und
Wiener, die die Lebensmittelhilfe der Roten Armee in Empfang nehmen.119
113 Galerie Bilderwelt und Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e. V. (Hg.), Jewgeni Chaldej – Tony Vac-
caro. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung 7. Mai – 7. Juni 1997 im Willy-Brandt-Haus. Berlin
1997, S. 5.
114 Ebd., S. 12. Vgl. dazu die Aufnahmen in ebd., S. 173, 175f., 198f., 222f.
115 Dieses Charakteristikum findet sich etwa auch bei sowjetischen Fotos deutscher Kriegsgefangener.
Vgl. Christoph Hamann, Feindbilder und Bilder vom Feind, in: Margot Blank (Hg.), Beutestücke.
Kriegsgefangene in der deutschen und sowjetischen Fotografie 1941–1945. Berlin 2003, S. 16–32,
hier: S. 28.
116 Siehe etwa die Aufnahmen in Klein, Die Russen in Wien, S. 116, 136f.
117 Chaldej, Der Große Vaterländische Krieg, S. 74.
118 Dieser Aspekt der Kriegsrealität ist umgekehrt auch in den Fotos von Wehrmachtssoldaten zu ent-
decken. Vgl. Peter Jahn, Bilder im Kopf – Bilder auf dem Papier, in: Peter Jahn – Ulrike Schmiegelt
(Hg.), Foto-Feldpost. Geknipste Kriegserlebnisse 1939–1945. Berlin 2000, S. 8–12, hier: S. 10.
119 Siehe etwa die Aufnahmen in Klein, Die Russen in Wien, S. 164–167, 182f., 205–207, 210f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918