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I. Bilder der
Besatzung660
ten Kärtchen beschriftet. Der Großteil der rund 100 Aufnahmen ist schwarz-
weiß, einige wenige Porträtaufnahmen wurden nachträglich koloriert.127
Obwohl Grünanger kein Angehöriger der Besatzungsarmee war, konnte er
aus einer Innenperspektive Alltagssujets und „Eigenbilder“ der Komman-
dantur in Wien-Floridsdorf aufnehmen. Er wurde offensichtlich als – kurzzei-
tiger – Zugehöriger der (Zwangs-)Gemeinschaft von Kameraden und nächs-
ten Vorgesetzten akzeptiert, die beim Militär für die aus dem gewohnten
Umfeld herausgelösten Soldaten sowohl die Familie als auch den Freundes-
kreis ersetzte.128 Die Mehrzahl seiner Fotos stellen somit Gruppenfotos dar,
welche die zur Kommandantur gehörenden Militärangehörigen zur Erinne-
rung abbilden sollten. So zeigt das erste Foto im Album die rund 25 Mitarbei-
ter, die in drei Reihen vor dem Eingang der Kommandantur angeordnet wur-
den, wodurch ihre Gesichter trotz der Tellermützen gut zu sehen sind. Über
dem mit Sichel und Hammer sowie Sowjetstern versehenen Portal sind die
Porträts von Stalin, Tolbuchin und Konev sowie ein Schild mit der russischen
Aufschrift „Unsere Sache ist gerecht. Wir haben gesiegt!“ abgebildet, darun-
ter zwei der berühmten Plakate von Viktor Koreckij und Nina Vatolina. Zu
sehen sind außerdem zwei Frauen, die aus dem Fenster über dem Eingang
schauen. Derart in den Hintergrund gerückt, bilden sie nur indirekt einen
Bestandteil des Gruppenfotos.129
Die folgenden Aufnahmen verdeutlichen ansatzweise, dass die Einheit als
Familienersatz begriffen wurde. Charakteristischerweise übernahm in die-
ser Struktur der vorgesetzte Offizier die Rolle des Familienoberhauptes und
wurde entsprechend in den Mittelpunkt gerückt. Wie bei der privaten Kriegs-
fotografie von Wehrmachtssoldaten verdeutlichen dies auch die jeweiligen
Bildunterschriften im Album der Floridsdorfer Militärkommandantur.130 Fo-
tos hoher Militärs wurden mit „Mein Leutnant“, „Der Militärkommandant“
oder „Die beiden Majore“ betitelt. Bei den Porträts von Rotarmisten finden
sich Einträge mit Vornamen wie „Der große und der kleine Nikolei“ oder
„Sascha und Quartierfrau“.131
Einige wenige Fotos dokumentieren Angehörige der Militärkommandan-
tur bei der Arbeit. Dazu zählen insbesondere Aufnahmen einer sowjetischen
Verkehrspolizistin mit den Bildunterschriften „Zweimal ‚Maruscha‘“ und
127 AdBIK, Sammlung Anton Grünanger, Fotoalbum „Sowjetische Militärkommandantur Floridsdorf“.
Fotograf: Anton Grünanger.
128 Ulrike Schmiegelt, „Macht Euch um mich keine Sorgen …“, in: Peter Jahn – Ulrike Schmiegelt (Hg.),
Foto-Feldpost. Geknipste Kriegserlebnisse 1939–1945. Berlin 2000, S. 23–31, hier: S. 27.
129 AdBIK, Sammlung Grünanger, Fotoalbum.
130 Schmiegelt, „Macht Euch um mich keine Sorgen …“, S. 27.
131 AdBIK, Sammlung Grünanger, Fotoalbum.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918