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I. Bilder der
Besatzung662
Diese Bilder dürften nicht ausdrücklich im Auftrag der Kommandantur ge-
macht worden sein, sondern dienten wohl in erster Linie dem Fotografen wie
den Fotografierten zur privaten Erinnerung an die gemeinsame Zeit. So trägt
auch eines der Porträts eines Offiziers die (russische) Widmung: „Dem Meis-
ter der Fotografie zur Erinnerung von einem russischen Offizier während des
Aufenthalts im 21. Bezirk von Wien.“ Dass es sich hierbei um keine offizielle
Aufnahme handelt, machen die folgenden drei Charakteristika deutlich: Der
Offizier lächelt, er hat seinen Kopf beinahe anmutig zur Seite geneigt und hält
seine Kopfbedeckung – eine Mütze – in der Hand. Vom engen Kontakt, den
Grünanger anscheinend mit den Angehörigen der Kommandantur pflegte,
zeugt auch ein Gruppenfoto strammstehender Rotarmisten vor einer Wiener
Wohnanlage. Lediglich die Bildbeschriftung weist auf den privaten Zusam-
menhang hin: „Besuch bei mir zuhause.“133
„Fremdbilder“ sind in diesem Album kaum vorhanden. Dies ist in erster
Linie auf die spezifischen Produktionsbedingungen zurückzuführen. Schließ-
lich brachte Grünangers Position als Fotograf der sowjetischen Kommandan-
tur einen ungewöhnlichen Perspektivenwechsel mit sich: Als Österreicher
stellte die einheimische Bevölkerung für ihn kein „exotisches“134 Motiv dar,
da es sich bei diesen „Fremdbildern“ de facto um „Eigenbilder“ gehandelt
hätte. Porträts österreichischer Frauen fanden nur insofern Eingang in das Al-
bum, als diese im direkten Kontakt mit den Mitarbeitern der Kommandantur
standen. Fotos von Kindern wurden ebenfalls ausschließlich im Zusammen-
hang mit den Besatzungssoldaten geschossen, wie etwa die Aufnahme „Der
Kinderfreund“, auf der ein Offizier mit sechs Kindern auf einer Gartenbank
zu sehen ist.135 Auch in diesem Fall weisen die Bilder stärker auf das Bewusst-
sein und die Mentalität des Abbildenden als auf die Realität der Abgebildeten
hin.136
2.2.3 Inszenierter Dank: Abzug aus Österreich
Eine ungleich offiziellere Perspektive liefert das von der Politischen Abtei-
lung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte angelegte Album „Abzug der
sowjetischen Truppen aus Österreich August bis September 1955“. Die „Fo-
todokumente“, wie der Untertitel lautet, wurden vom Fotokorrespondenten
der Zeitung „Za čest’ Rodiny“, Oberleutnant K. Kuličenko, angefertigt. Ob
133 Ebd.
134 Zu den „folkloristischen“ oder „exotischen“ Motiven, die Wehrmachtssoldaten an der Ostfront fo-
tografierten, vgl. Schmiegelt, „Macht Euch um mich keine Sorgen …“, S. 28f.
135 AdBIK, Sammlung Grünanger, Fotoalbum.
136 Jahn, Bilder im Kopf, S. 12.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918