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I. Bilder der
Besatzung664
werden zu Helden, denen „ewiger Ruhm“ gebührt. Die Schattenseiten der Be-
satzung transportieren diese Porträts nur indirekt, sichtbar werden sie etwa
in einzelnen, skeptisch blickenden Gesichtern von Österreichern, die zur Ab-
schiedszeremonie auf einen Bahnhof kamen. Somit verdeutlicht auch dieses
Album, dass Fotos historische Quellen, aber auch Mittel der Propaganda sind.
2.3 Eigen- und Fremdbilder: außerdienstliche Fotoproduktion
Der Krieg und der anschließende Dienst in Besatzungstruppen waren für die
meisten sowjetischen Soldaten die erste – und oft auch einzige – Gelegenheit,
fremde Länder kennenzulernen. Entsprechend begeistert fotografierten sie
daher bekannte Sehenswürdigkeiten, vor denen etliche als Teil der Selbstdar-
stellung auch gerne persönlich posierten. Ein beliebtes Sujet der offiziellen140
wie auch privaten Fotografie sowjetischer Soldaten in Österreich stellte das
Grabmal von Johann Strauß auf dem Wiener Zentralfriedhof dar, das sich
dank des in der Sowjetunion besonders populären Spielfilms „The Great
Waltz“ zu einem essenziellen Bestandteil der sowjetischen Ikonografie über
die Befreiung Österreichs entwickelte.141
Charakteristischerweise lässt sich auch die außerdienstliche Fotoproduk-
tion sowjetischer Militärangehöriger in Österreich in zwei große Motivgrup-
pen gliedern: die „Eigen-“ und die „Fremdbilder“. Innerhalb der Bilder vom
anderen dominieren die erwähnten Aufnahmen von Sehenswürdigkeiten
und Landschaften. Seltener sind Fotos von Zerstörungen, Kriegsgefangenen,
gefallenen gegnerischen Soldaten oder österreichischen Quartiergebern und
Kindern anzutreffen. Auch herausragende Ereignisse, wie die zu Pfingsten
1945 in Judenburg erfolgte Übergabe der Kosaken in sowjetischen Gewahr-
sam, fanden Eingang in private Fotosammlungen.142 Im Gegensatz zu Auf-
nahmen von Wehrmachtssoldaten visualisieren in diesem Fall die Bildper-
spektive, Bildkombination wie auch Bildlegende, so vorhanden, nicht das
Deutungsmuster einer rassischen Unterlegenheit.143 Manche Soldaten ließen
gung des Befehlsentwurfs über den Abzug der sowjetischen Truppen aus Österreich, 30.7.1955.
Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 185.
Siehe dazu auch das Kapitel A.III.3.4 „Abschied von Österreich: Truppenabzug und Auflösung der
Kommandanturen“ in diesem Band.
140 Siehe etwa Chaldejs Aufnahmen in Klein, Die Russen in Wien, S. 175f.
141 Siehe dazu auch das Kapitel C.I.1.2 „The Great Waltz“ in diesem Band.
142 Vgl. etwa den Fotobestand von mehr als 20 ehemaligen sowjetischen Besatzungssoldaten, der ein-
gesehen und auszugsweise reproduziert werden konnte. Herrn Univ.-Prof. Dr. Aleksandr Bezboro-
dov und Frau Univ.-Doz. Dr. Ol’ga Pavlenko, beide Moskau, sei für ihre Unterstützung in diesem
Bereich herzlich gedankt.
143 Hamann, Feindbilder und Bilder vom Feind, S. 19, 30.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918