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2. Fotografien 665
sich außerdem – verbotenerweise – mit Österreicherinnen fotografieren.144
Diese Bilder implizieren ihre Doppelrolle als „Freier und Befreier“, die auf
ideologische oder politische Vorgaben wenig Rücksicht nahm.145
Eine mindestens ebenso wichtige Rolle fiel den „Eigenbildern“ zu, die in
erster Linie Kameraden und nächste Vorgesetzte, aber vor allem auch die
Besitzer der jeweiligen Bilder selbst zeigen. Neben den zahlreichen Porträt-
aufnahmen lassen sich bei dieser Kategorie die Motivgruppen Arbeit, Alltag,
Festtag, Freizeit und Tod unterscheiden, wobei Letzteres nur in der zurück-
genommenen Form von militärischen Begräbniszeremonien und Gräbern
bzw. durch den Besuch von Grabstätten abgebildet wurde. Das ritualisierte
Totengedenken stabilisierte die soldatische Solidargemeinschaft. Leiden und
Tod der eigenen Leute – und damit das mögliche eigene Schicksal – wur-
den hingegen aus dem Bereich der Selbstwahrnehmung weitestgehend ver-
drängt.146
2.3.1 Perspektive von unten: Fotos von Boris Zajcev
Stand bei diesen Fotos der Erinnerungsfaktor an einzelne Aspekte der Zeit in
Österreich im Vordergrund, so fotografierte der Rotarmist Boris Il’ič Zajcev,147
1921 in Tiflis geboren, aus Leidenschaft, um des Fotografierens willen. Eines
seiner Fotos, das auch als Titelbild für die Ausstellung „Mit den Augen ei-
nes Rotarmisten“ gewählt wurde, zeigt ihn persönlich bei dieser Lieblings-
beschäftigung.148 Schon während des militärischen Vormarsches der Roten
Armee hatte er außerdienstlich Aufnahmen gemacht, in Österreich setzte er
dies fort: „Ich hatte die ganze Zeit den Fotoapparat dabei. Immer und überall,
egal, wohin ich ging – ob in die Kantine oder auf Besuch oder ins Kino. Oder
144 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 250, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei-
ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front,
Oberst Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand
und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945, [Juni 1945].
145 Siehe dazu auch das Kapitel B.II „Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder“ in diesem Band.
146 Schmiegelt, „Macht Euch um mich keine Sorgen …“, S. 26; Michael Geyer, Vom Fortleben der To-
ten: Überlegungen zu einer Geschichte der Kriegstoten, in: Belinda Davis – Thomas Lindenberger
– Michael Wildt (Hg.), Alltag, Erfahrung, Eigensinn. Historisch-anthropologische Erkundungen.
Frankfurt am Main – New York 2008, S. 425–441, hier: S. 437.
147 Boris Il’ič Zajcev, geboren am 21.6.1921 in Tiflis, verstorben am 29.12.2008 in Moskau, 1939 zur
Roten Armee einberufen, Einsätze in Stalingrad, Rumänien und Ungarn. Von April 1945 bis Juni
1946 als Oberleutnant des Technischen Dienstes der Roten Armee in Bruck an der Leitha stationiert.
Danach Studium der Nachrichtentechnik in Moskau. Bis 1984 Arbeit in Konstruktions- und For-
schungsinstituten in Moskau.
148 Die von der Autorin konzipierte Ausstellung war vom 27. Juni bis zum 30. September 2006 im Nie-
derösterreichischen Landesarchiv in St. Pölten zu sehen.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918