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II. Medium der
Besatzung676
nisse in ihrem Umfeld zu vermitteln. Dies betraf sowohl die österreichische
Innenpolitik als auch Informationen über einschlägige Veranstaltungen, etwa
des „Hauses der Offiziere“, oder andere Bereiche des sowjetischen Besat-
zungsalltags. Verlautbarungen im Zusammenhang mit sowjetischen Schulen
in Wien gehörten hier ebenso dazu wie das Affichieren von Uniformschnei-
dereien.
Daneben sollte die Zeitung der politischen und militärischen Schulung der
Besatzungsangehörigen dienen. Dieses generelle Vorhaben, das auch über
andere Wege verfolgt wurde,24 klang bereits ausdrücklich im Namen des Me-
diums an. In diesem Kontext wurden etwa neben einer sinnvollen Freizeitge-
staltung25 die Großtaten der Roten Armee, die Vorzüge des kommunistischen
Systems und die Verdienste der Sowjetunion propagiert.
Schließlich zielte die Berichterstattung darauf ab, ihre – wohl beinahe aus-
schließlich – sowjetischen Leserinnen und Leser vor dem „feindlichen“ Ein-
fluss, dem sie im Ausland ausgesetzt waren, eindringlich zu warnen. Lag der
Schwerpunkt in der frühen Nachkriegszeit auf dem Feindbild der „deutsch-
faschistischen Eroberer“ und den Folgen der schleppenden Entnazifizierung,
so verschob er sich nun zunehmend auf die ideologische Konfrontation zwi-
schen Kapitalismus und Kommunismus und trat ab Mitte 1947 vehement ge-
gen die „Marshallisierung“ und den „amerikanischen Imperialismus“ auf.26
Generell folgte die Zeitung „Za čest’ Rodiny“ in ihrem Sprachgebrauch
der üblichen marxistisch-leninistischen Terminologie. Regelmäßig verdeut-
lichten Artikel das Wiedererstarken der „fortschrittlichen“ (sprich sozialis-
tischen) Sowjetunion gegenüber dem „Hitlerfaschismus“ (sprich dem Nati-
onalsozialismus) und in weiterer Folge der Politik der „reaktionären Kreise“
des kapitalistischen Westens.27 Ausgiebig widmete sie sich Gerichtsverfahren
gegen „Gräueltaten der deutsch-faschistischen Eindringlinge“ in der Ukra-
ine oder in Weißrussland28 und prangerte im Gegenzug die allzu laxe Ent-
nazifizierungspolitik der österreichischen Bundesregierung mit Artikeln wie
„Österreichische Behörden befreien Kriegsverbrecher“29 oder „In Österreich
übt man gegenüber den Hitler-Verbrechern Nachsicht“30 an. Im Kreuzfeuer
24 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.1 „Erziehung, Disziplinierung, Kontrolle“ in diesem Band.
25 Siehe dazu auch das Kapitel B.III.2 „Freizeit, Erholung, Urlaub“ in diesem Band.
26 Siehe dazu auch das Kapitel A.III.6.4 „Feindbild Marshallplan“ in diesem Band.
27 Zum analogen Sprachgebrauch in der „Österreichischen Zeitung“ vgl. Mueller, Österreichische Zei-
tung und Russische Stunde, S. 110.
28 Sudebnyj process po delu o zlodejanijach nemecko-fašistskich zachvatčikov na territorii Ukrains-
koj SSR, in: Za čest’ Rodiny, 29.1.1946, S. 5; Sudebnyj process po delu o zlodejanijach nemecko-
fašistskich zachvatčikov v Belorusskoj SSR, in: Za čest’ Rodiny, 29.1.1946, S. 5.
29 Avstrijskie vlasti osvoboždajut voennych prestupnikov, in: Za čest’ Rodiny, 9.7.1947, S. 7.
30 V Avstrii prodolžajut potvorstvovat’ gitlerovkim prestupnikam, in: Za čest’ Rodiny, 7.6.1947, S. 7.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918