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1. Die Armeezeitung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte 681
in Österreich“.52 In ganz Europa, polemisierte ein weiterer Artikel, würde die
„Volksbewegung“ immer breiter werden, die ein Ende der amerikanischen
Besatzung verlange: „Yankee, zurück nach Amerika!“, betonte einer der Zei-
tungsartikel. Denn: „Mord, Vergewaltigung, Raub, Diebstahl und andere
Verbrechen sind für die [amerikanischen] Besatzer üblich.“53
Die vorwiegend an sowjetische Besatzungssoldaten adressierten Schre-
ckensmeldungen in der Zeitung der CGV dienten der Diskreditierung der
US-amerikanischen Besatzungsmacht und sollten die antiamerikanische
Stimmung steigern. Die allseits bekannten disziplinären Probleme in den
eigenen Reihen fanden hier allerdings keine Erwähnung. Eine derartige Be-
richterstattung hätte wohl kaum der Ehre der Heimat gedient.54
1.4 Kampagne gegen Kapitalismus und Marshallplan
Eine dritte wesentliche Säule der Feindbildpropaganda stellte – auch in „Za
čest’ Rodiny“ – eine umfassende Kampagne gegen den Kapitalismus per se
und den Marshallplan als „Pseudohilfe amerikanischer Imperialisten“ dar.
Gerade im Bereich der Wirtschaft prallten die unterschiedlichen Interessen
im Kalten Krieg besonders vehement aufeinander, was sich in wechselseiti-
gen propagandistischen Nadelstichen äußerte. Dabei geriet die sowjetische
Seite vor dem Hintergrund der Demontagen und Beschlagnahmungen in ih-
rer Zone zunehmend unter starken Rechtfertigungsdruck und reagierte zu-
gleich äußerst empfindlich auf Kritik. Politisch befand sich die sowjetische
Besatzungsmacht seit den Novemberwahlen 1945 „in einem Stadium latenter
Unsicherheit“, das mit dem innerstaatlichen wirtschaftlichen Druck in der
durch den Zweiten Weltkrieg ökonomisch stark geschwächten Sowjetunion
einherging.55
Bis Mitte 1946 konzentrierten sich die entsprechenden Berichte in der Zei-
tung der CGV auf negative Begleiterscheinungen der österreichischen Wirt-
schaft wie den Schwarzmarkt, der lediglich indirekt mit der amerikanischen
Besatzungsmacht in Verbindung gebracht wurde. So zitierte A. Šarov in ei-
nem seiner „Briefe über Wien“ einen Wiener Arbeitslosen namens Ernst, der
plötzlich gut verdiente. „Einer meiner Bekannten ist Ausländer, ein Soldat
und Geschäftsmann. Er verkauft Zigaretten zu je einem Schilling. ‚Ich kann
damit 50 Groschen pro Stück verdienen. 200 Schilling für 400 Zigaretten.
Ich brauche keine Arbeit.‘ Manchmal sah ich Ernst, der mit einem Rucksack
52 M. Konstantinov, Amerikanskie gestapovcy v Avstrii, in: Za čest’ Rodiny, 27.5.1950, S. 7.
53 A. Pjalin, Janki – razbojniki v Evrope, in: Za čest’ Rodiny, 6.5.1952, S. 7.
54 Vgl. das Kapitel B.I.2.5.5 „Sowjetische Reaktion: politische Tragweite“ in diesem Band.
55 Rathkolb, Politische Propaganda, S. 128.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918