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1. Die Armeezeitung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte 683
seien hier von den Deutschen, „die Österreich besetzt und den Krieg mit dem
sowjetischen Russland begonnen hatten“, zur Zwangsarbeit eingesetzt worden:
„Die Erdölfelder wurden mit der Sklavenarbeit unserer Leute gebaut. Am Fuße
eines der Türme wurde eingekratzt: ‚Hier arbeiteten und sterben wahrschein-
lich in der Sklaverei Nikolaj Koval’ und Aleksej Rjabenko. Die Arbeit unserer
Menschen liegt in dieser, von den Deutschen gekauften Erde. Das Blut unserer
Soldaten, die im Kampf dieses Gebiet befreiten, [tränkte diesen Boden]. Jetzt
stehen unsere Ingenieure vor der Aufgabe, die Erdölgewinnung wieder instand
zu setzen, sie zu neuem Leben zu erwecken.“60
Die Artikel stilisieren die sowjetische Hegemonie im Erdölgebiet zur Er-
richtung eines „neuen Zistersdorf“, eines „neuen Österreich der arbeitsamen
Menschen, nicht der Spekulanten“. Sowjetische Ingenieure, die „bei uns in
den Maßstäben des ganzen Landes denken“, würden den Österreichern neue
Technologien beibringen und besonderes Augenmerk auf das Wohlergehen
der Arbeiterschaft legen. Als kritikwürdig erschien etwa die Lage des Chemi-
kers Franz Čapo, der als Nichtortsansässiger keine adäquate Wohnung fin-
den konnte, sondern in einer Arbeiterbaracke wohnte. Dieses Beispiel solle
dazu dienen, hieß es weiter, die Schwierigkeiten im „Kampf um ein neues
Österreich“ aufzuzeigen, doch würden ungeachtet dessen die „Kräfte des
Neuen mit jedem Tag wachsen“.61
Als besondere Errungenschaft wurde der Abschluss eines neuen Vertrages
zwischen der SMV und der Gewerkschaft hochstilisiert, denn etwas Vergleich-
bares hätte es in der Geschichte der Arbeiterklasse Österreichs, in der „langen
und denkwürdigen Geschichte des Kampfes um bessere Lebensbedingungen“,
noch nicht gegeben: „Während in Europa gerade der Kampf darum herrscht,
dass die Löhne um 20–30 Prozent angehoben werden, wurden die Löhne für
die Arbeiter auf den Erdölfeldern um 70–80 Prozent erhöht.“ Dieser neue Geist
werde auch weiterhin wehen, selbst wenn dies den „Liebhabern des ‚Alten‘,
den Spekulanten, Nichtstuern und ihren Advokaten nicht gefällt“.62
Von Protesten der österreichischen Seite ist hier allerdings keine Rede.
Vielmehr wird auf die zahlreichen Errungenschaften hingewiesen, welche
die sowjetische Verwaltung mit sich gebracht habe. „Hier, am Ufer der Do-
nau, zeigten die sowjetischen Erdölarbeiter ihr wahres Können und das Aus-
maß des sowjetischen technischen Wissens“,63 heißt es in einem weiteren Bei-
trag in „Za čest’ Rodiny“. Ironie sollte dabei nicht mitschwingen.
60 Ebd.
61 A. Šarov, Pis’ma ob Avstrii. V Cistersdorfe, in: Za čest’ Rodiny, 16.8.1946, S. 5.
62 A. Šarov, Pis’ma ob Avstrii. V Cistersdorfe, in: Za čest’ Rodiny, 21.8.1946, S. 6.
63 A. Razgon, Sovetskie nefjaniki na Dunae, in: Za čest’ Rodiny, 14.12.1946, S. 8.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918