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II. Medium der
Besatzung684
1.4.2 Marshallplan: „Politik des Hungers und Betrugs“
Umso heftiger attackierte die Zeitung der CGV den Marshallplan. Nachdem
am 11. Juli 1947 entsprechende Gespräche zwischen den USA und Österreich
über ERP-Mittel aufgenommen worden waren, setzte in den sowjetischen
Medien generell eine Polemik gegenüber den Vereinigten Staaten ein, die vo-
rangegangene Attacken an Heftigkeit noch übertraf.64 Dabei griff auch „Za
čest’ Rodiny“ die propagandistische Generallinie auf, wonach die USA durch
die Marshallplanhilfe Österreich in wirtschaftlicher, außenpolitischer und mi-
litärischer Hinsicht kontrollieren, zugleich günstig Rohstoffe gewinnen und
den europäischen Markt für US-Waren von schlechter Qualität öffnen wolle.65
Die generell unter Anführungszeichen gesetzte „Hilfe“ der „amerikanischen
Imperialisten“ würde das Volk teuer zu stehen kommen, argumentierte die
Zeitung etwa im September 1947. Denn die „imperialistischen Kreise“ der USA
würden dadurch ihre „Herrschaft in mehreren Ländern errichten“ wollen, um
den Markt zu beherrschen. In Österreich würde die „Hilfe“ nur mit dem Ziel
gewährt werden, um „das Land ökonomisch und politisch zu unterjochen“.66
Hierbei handle es sich um eine „Politik des Hungers und Betrugs“, denn durch
den Marshallplan würden wertvolle Devisen aus Österreich in die „amerika-
nische Klaue“, wie eine beigefügte Illustration67 im März 1948 verdeutlichte,
abfließen.68 So kaufe Österreich nun zu Spekulationspreisen Zucker, obwohl
es dieses Produkt noch vor dem Krieg ausreichend selbst produzieren hatte
können. Die „Hilfe“, suggerierte eine weitere Karikatur, bestehe aus überteuer-
ten Zahnpasten, Zahnbürsten und Streichhölzern.69 Einige Produktionszweige
seien als Folge der „Marshallisierung“ überhaupt stillgelegt worden.70
Die Kritik am ERP und die Vorwürfe gegenüber den Vereinigten Staaten
blieben auch in den folgenden Jahren fester Bestandteil des Repertoires des
64 Rathkolb, Politische Propaganda, S. 163f.; Mueller, Österreichische Zeitung und Russische Stunde,
S. 119f.
65 Siehe dazu auch das Kapitel A.III.6.4 „Feindbild Marshallplan“ in diesem Band.
66 Ch. Rogov, Vot čto obchoditsja narodam ‚pomošč‘ amerikanskich imperialistov, in: Za čest’ Rodiny,
28.9.1947, S. 4.
67 Die Illustration „Amerikanskaja ‚pomošč‘ Avstrii“ rekurrierte auf das in Österreich verbreitete
deutschsprachige Plakat „Amerikahilfe – wer hilft wem?“. Vgl. WStLB, Plakatsammlung, P-6537.
Darauf offeriert die linke Hand eines durch die US-Fahne an den Manschetten als Amerikaner aus-
gewiesenen Mannes verschiedene Waren. Gleichzeitig fließt jedoch ein gewaltiger Dollarstrom aus
Österreich in seine rechte, vor Gier zu einer Klaue verkrümmten Hand. Die „Hilfe“, so die Botschaft
des Plakats, komme in erster Linie den USA zugute.
68 V. Razumov, Politika golod i obmana. K prodovol’stvennomu položeniju Avstrii, in: Za čest’ Rodi-
ny, 25.3.1948, S. 6.
69 Amerikanskie imperialisty pytajutsja zakabalit’ avstrijskij narod, in: Za čest’ Rodiny, 18.8.1948, S. 6.
70 Plody „maršallizacii“ Avstrii, in: Za čest’ Rodiny, 25.1.1949, S. 7.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918