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1. Die Armeezeitung der Zentralen Gruppe der Streitkräfte 685
Blattes. Dabei konzentrierte sich die Kampagne vermehrt auf den sinkenden
Lebensstandard österreichischer Arbeiter. So zeigte eine der Karikaturen,
die einem als „Hilfe für Agitatoren und Propagandisten“ betitelten Artikel
beigefügt war, einen geknechteten Arbeiter, auf dessen Schultern eine Kis-
te mit „Marshallplanhilfe“ lastete.71 Als Folge der „Marshallisierung“ wären
die Preise allein in den ersten vier Monaten 1950 um bis zu 30 Prozent ge-
stiegen.72 Und im August 1951 betitelte die Zeitung einen Artikel mit „Neue
Beraubung der Arbeiter Österreichs“. Untermauert wurde die Polemik durch
den Ausschnitt eines Plakates,73 das die Inflation von 1947 bis 1951 verdeut-
lichte: Von einem Laib Brot, den ein Arbeiter 1947 kaufen konnte, war vier
Jahre später nur mehr ein Drittel übrig. Der „Diebstahl des Reallohns“ wurde
auch anhand eines Sakkos und eines Schuhpaares veranschaulicht.74
1.4.3 „Bei ihnen und bei uns“: Feldzug gegen den Kapitalismus
Den propagandistischen Feldzug gegen den Marshallplan begleitete eine
Reihe von Artikeln, die das kapitalistische System anprangerten. So widmete
sich etwa einer dieser Beiträge der steigenden Zahl von Selbstmorden, die
zum „Alltag der kapitalistischen Welt“ gehörten.75 Als Folge der „bourgeoi-
sen Moral“ würde der Mensch zum „Tier“, zu „einem Sklaven des Kapita-
lismus“ werden, wetterte einer der Artikel.76 Die Arbeiterklasse lebe insge-
samt schlecht,77 und niemand kümmere sich „im kapitalistischen Österreich“
um einen „alten, kranken Menschen, der noch arbeiten muss, um nicht zu
verhungern“.78 Viele österreichische Wissenschaftler müssten mit ihrer Fami-
lie in einer Einzimmerwohnung leben.79 Außerdem seien „bei ihnen“ Arbeits-
losigkeit und folglich „Hunger und Armut“ weit verbreitet.80
„Hunger, Armut, Inflation, Krise“ seien die „ewigen Begleiter des Kapita-
lismus“, suggerierte Anfang 1948 eine Karikatur mit einem Sensenmann in
der 5th Avenue. In diesem Kontext zitierte das Blatt mehrere „Briefe sowjeti-
71 S. Borisovič, V pomošč agitatoram i propagandistam. Maršallizacija Avstrii – nastuplenie na
žizennyj uroven’ trudjaščichsja, in: Za čest’ Rodiny, 13.12.1949, S. 7.
72 N. Efimov, Plačevnye itogi maršallizacii, in: Za čest’ Rodiny, 28.4.1950, S. 7.
73 WStLB, Plakatsammlung, P-6795.
74 O. Gavrilova, Novoe ograblenie trudjaščichsja Avstrii, in: Za čest’ Rodiny, 10.8.1951, S. 7.
75 M. Konstantinov, Budi kapitalističeskogo mira. Samoubijcy, in: Za čest’ Rodiny, 10.6.1948, S. 8.
76 A. Razgon, Lico buržuaznoj morali, in: Za čest’ Rodiny, 18.9.1948, S. 7.
77 Plocho živetsja trudjaščimsja Avstrii, in: Za čest’ Rodiny, 29.4.1949, S. 6.
78 Ju. Beljat, Novyj god – novye bedstvija. Avstrija na poroge Novogo goda, in: Za čest’ Rodiny,
1.1.1949, S. 7.
79 I. Vladimirov, Raspad i razloženie buržuaznoj kul’tury, in: Za čest’ Rodiny, 26.12.1948, S. 6.
80 P. Pavlov, Gore i niščeta. „Išču ljubuju rabotu“, in: Za čest’ Rodiny, 25.6.1949, S. 5.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918