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III. Formen der
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der nationalen Tragödie, des privaten Leids sowie des gigantischen Einsatzes
der Armee und Bevölkerung während des Krieges. Während mit Militärpa-
raden, Massendemonstrationen und Veteranentreffen von innenpolitischen
oder wirtschaftlichen Konflikten abgelenkt werden konnte, schien der Traum
von einer weltweiten Anerkennung an diesem Ausnahmetag in Erfüllung zu
gehen. Der 9. Mai erinnerte daran, dass der Sieg über den Nationalsozialis-
mus die Sowjetunion zur Weltmacht und den USA ebenbürtig gemacht hatte.
Zweifellos instrumentalisierten Partei und Staat die Erinnerung daran, die
auch in Denkmalskomplexen, Monumentalfilmen oder in der Literatur ihren
Ausdruck fand.7
Eine treibende Kraft stellten auch die in den 1950er Jahren gegründeten,
aber erst in den 1960er Jahren aktiv gewordenen Veteranenverbände dar.
Sie reagierten auf die Angst der Kriegsgeneration, ihre Leistungen und die
Bedeutung des Ereignisses würden sukzessive in Vergessenheit geraten. Im
Zuge des politischen Umschwungs in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre ka-
men zudem Themen aufs Tapet, die bis dahin weitestgehend tabuisiert wor-
den waren: die Kollaboration mit den deutschen Besatzern, die tatsächlichen
Kriegsverluste, Racheexzesse von Rotarmisten, stalinistische Verbrechen oder
die bis dahin öffentlich geächteten ehemaligen sowjetischen Kriegsgefange-
nen und Zwangsarbeiter. Die Veteranen mussten befürchten, dass dadurch
das Ansehen der Roten Armee geschmälert und zugleich ihre Heldentaten an
Glanz verlieren würden. Bis heute üben die Verbände einen beachtlichen Ein-
fluss auf Formen und Inhalt der öffentlichen Kriegserinnerung aus. Sie sor-
gen für einen – in ihren Augen – angemessenen Platz der Kriegserinnerung in
der Gesellschaft. Der Zerfall der Sowjetunion, der für viele Verarmung und
den Verlust ihrer Lebensperspektive bedeutet hatte, verlieh der Erinnerung
an den Sieg ein noch größeres Gewicht.8
Nach wie vor sieht die Mehrheit der noch lebenden Kriegsteilnehmer den
9. Mai als „ihren“ Tag. Kinder überreichen ihnen Blumen oder Zeichnungen
und werden von ihren Eltern angehalten, sich bei den Veteranen persönlich
zu bedanken. Ausgewählten Funktionären von Veteranenverbänden wird
die besondere Ehre zuteil, der Militärparade auf dem Roten Platz beizuwoh-
nen. Auf zentralen Plätzen und in Parks des ganzen Landes versammeln sich
die einstigen Kameraden nach Regimentern, um gemeinsam die Erinnerun-
7 Igor J. Polianski, Die kleineren Übel im großen Krieg. Der 60. Jahrestag des Sieges: Das Fest des
historischen Friedens und der Krieg der Geschichtsbilder zwischen Baltikum und Russland, in:
Zeitgeschichte-online, Thema: Die russische Erinnerung an den „Großen Vaterländischen Krieg“,
in: http://www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/documents/pdf/russerinn/polianski.
pdf. 13.5.2005, 17.10 Uhr; Jahn, Stütze der Erinnerung, S. 13f.
8 Jahn, Stütze der Erinnerung, S. 14–16.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918