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III. Formen der
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räle, stärker zu betonen.13 2008 ging man noch einen Schritt weiter: Für den
12. Februar erhielten geschichtswissenschaftliche Institute und Fakultäten in
Moskau eine Einladung zu einem internen runden Tisch, der sich dem Thema
„Der Verfälschung der Geschichte zum Schaden Russlands entgegentreten
– eine Aufgabe von gesamtstaatlicher Priorität“ widmete. Man wollte disku-
tieren, ob man mit der Unterstützung von Historikerkommissionen, Kriegs-
veteranenverbänden und Russen im Ausland gegen die „heutige Spirale der
Fälschungen“ vorgehen könne.14
Am 15. Mai 2005 ließ Präsident Dmitrij Medvedev eine entsprechende
Kommission einrichten, deren Hauptaufgabe darin bestand, „der Verfäl-
schung der Geschichte zum Schaden Russlands“ entgegenzutreten. Gleich-
zeitig kursierte im Parlament ein Gesetzesentwurf, der die „Leugnung des
Sieges im Großen Vaterländischen Krieg“ unter Strafe stellen sollte.15 Die gro-
ße historische Errungenschaft des Landes, die gleichsam als „nationalpatrioti-
scher Kitt“ dient, sollte nicht „beschmutzt“ werden.16 Auf derartige Versuche
der Diskreditierung müsse Russland mit aller Härte reagieren, hatte Medve-
dev bei einem Treffen mit Veteranen kurz zuvor betont.17
Innerhalb der historisch-philosophischen Klasse der Russischen Akademie
der Wissenschaften kam ein Brief des Leiters des Departements für Geschich-
te in Umlauf, worin die einzelnen Institutsleiter um Mitwirkung bei der Auf-
deckung der Verfälschung der Geschichte ersucht wurden. Zugleich legte
man ihnen nahe, bekannt zu geben, welchen Anteil einzelne Institutsmit-
glieder bei der Entlarvung der „Falsifizierung und der historisch-kulturellen
Konzepte, die den Interessen Russlands Schaden zufügten“, hatten.18 Die rus-
sische Historikerin Julija Kantor warf im Interview mit Vasilij Christoforov,
dem Leiter des FSB-Archivs, daher die Frage auf, ob eine derartige Weisung
der Akademie der Wissenschaften nicht den Impuls zu professioneller De-
nunziation geben könne.19
Die Einrichtung einer derartigen Kommission ist ein weiterer Beweis dafür,
13 Ebd.
14 Markus Wehner, Gescheiterte Revolution. In Russlands Archiven gehen die Uhren rückwärts, in:
Osteuropa. 2009/5, S. 45–58, hier: S. 45.
15 Ein Schlag gegen die historische Forschung. Neue Kommission soll die „Verfälschung der Ge-
schichte“ bekämpfen, in: Die Presse, 27.5.2009, S. 5.
16 Burkhard Bischof, Russlands Kreuz mit der Historie. Die staatlich verordnete Reinwaschung Stalins
kann nur böse Erinnerungen wecken, in: Die Presse, 27.5.2009, S. 27.
17 Dmitrij Medvedev spasaet istoriju, in: http://news.ru.msn.com/local/article.aspx?cp-documentid
=16961183&imageindex=1. 20.5.2009, 12.58 Uhr.
18 V. A. Tiškov, Schreiben an die Institutsleiter der historisch-philosophischen Klasse der Russischen
Akademie der Wissenschaften. Moskau 23.6.2009.
19 Julija Kantor, Istoriej upravljat’ nel’zja, in: Vremja novostej Nr. 118, 7.7.2009, in: http://www.
vremya.ru/print/232671.html. 21.7.2009, 14 Uhr.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918