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1. Institutionalisierte Erinnerung im Wandel 701
auch im Bereich der Musealisierung äußert. In Moskau wurde lediglich ein
bescheidenes Museum eingerichtet, das sich dem Kriegsende in Österreich
widmete. Als „Museum der 4. Garde-Armee“ zeichnete es den militärischen
Vormarsch der Armee von Stalingrad nach Wien nach, wobei in mehreren
Vitrinen Fotos von einzelnen Armeeangehörigen und Kampfszenen, Befehle,
Karten, Propagandaplakate, militärische Ausrüstungsgegenstände, Orden
und andere Kriegsreliquien ausgestellt waren. Ein zweiter Raum widmete
sich den weiteren Biografien einiger der Veteranen, allen voran von Dmitrij
Šepilov, der als ehemaliges Mitglied des Militärrates der 4. Garde-Armee und
späterer Außenminister gleichsam zum „Aushängeschild“ der Veteranen
avancierte. Šepilov war auch unter anderem mit dem ehemaligen Leiter für
Spionage des Stabs der Armee und späteren Chef des Veteranenverbandes,
Generalmajor Timofej Voroncov, für die Einrichtung des Museums verant-
wortlich gewesen.35
Das 1975 im oberen Stockwerk der Technischen Fachschule Nr. 148 der
Automobilfabrik „Moskvič“ eröffnete Museum bot in erster Linie den Vetera-
nen der 4. Garde-Armee die Möglichkeit, ihre Erinnerungen an die Front, das
Kriegsende und ihre Erlebnisse im befreiten Österreich wachzuhalten und
Freundschaften aus dieser Zeit zu pflegen. Sie trafen sich hier etwa anlässlich
großer Feiertage wie des „Tags des Sieges“ oder des 13. April als Jahrestag
der „Einnahme Wiens“ und feierten an einer improvisierten Festtafel im Vor-
raum des Museums. Ein Abstellraum fungierte als Archiv jener Erinnerungs-
stücke, die keinen Eingang in die Ausstellung gefunden hatten.
2006 musste das Museum wegen der Schließung der Fachschule geräumt
werden. Boris Voroncov, der Sohn eines verstorbenen Gründungsmitglieds,
übernahm einen Teil der Exponate und eröffnete auf eigene Initiative ein
kleines Museum in den Räumlichkeiten einer Schule im Bezirk Jasenevo im
Norden Moskaus. Das Ziel des Arztes bestand darin, die Erinnerung an die
4. Garde-Armee wachzuhalten und das Museum vor der Auflösung zu be-
wahren. Der Schwerpunkt des „Museums des militärischen Ruhms der 4.
Garde-Armee ‚Von Stalingrad nach Wien‘“ liegt gleichfalls auf den militäri-
schen Ereignissen, der Schlacht um Wien und auf einzelnen Militärangehöri-
gen. Mehrere Exponate widmen sich der Errichtung des Denkmals auf dem
Wiener Schwarzenbergplatz, das primär auf Šepilovs Initiative zurückgeht.36
Die Gruppe der Veteranen, die sich aus eigener Erfahrung an den Krieg
als immense Katastrophe wie auch als triumphale Selbstbehauptung erinnern
35 Ich danke herzlich Frau Valentina Kurilina, Moskau, die mich mehrmals in das Museum einlud.
36 Boris Voroncov, Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 11.8.2009. Ich danke herzlich Dr.
Boris Voroncov, Moskau, für die Führung durch das neu eröffnete Museum.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918