Page - 704 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 704 -
Text of the Page - 704 -
III. Formen der
Erinnerung704
2.1 Wahrnehmung von Österreich
2.1.1 „Der Krieg war aus“
„Wir befreiten – ganz zu schweigen von unserem Territorium, Rumänien und
Ungarn – Österreich. In Österreich waren die Donaubrücken gesprengt, vom
Feind. Sogar die Brücken über die Kanäle waren gesprengt. Es blieb nur eine
unzerstörte Brücke, um auf die andere Seite von Wien zu gelangen. […] Von
uns waren nur mehr sechs Mann über: alle anderen konnten nicht hinüberge-
hen, waren verletzt, tot oder sonst etwas. Nun, diesen Faschisten steckten wir
mit dem Kopf in die Donau, er beruhigte sich. Wir gingen weiter. Schauen.
Dort war ein kleines Loch, und zwischen den Brückenpfeilern lagen Sand-
säcke. Schauen, dort ruht sich ein Faschist aus. Wir vernichteten ihn mithilfe
blanker Waffen. Und dann begannen wir mit der Entminung“,41 schildert der
1924 geborene Andrej Kul’nev seine Erinnerungen an die Militäroperation in
Österreich. Bezeichnenderweise gibt der spätere Major diese Phase der unmit-
telbaren Kämpfe in einem an Schlachtenmemoiren angelehnten Stil wieder, mit
der für das Genre charakteristischen Heroisierung der Ereignisse.42 Verluste
in den eigenen Reihen werden der „Vernichtung“ des pauschal als „Faschist“
oder „Deutscher“ bezeichneten Feindes gegenübergestellt und verleihen der
wiederholt im Präsens vorgetragenen Darstellung eine zusätzliche Dramatik.
Die Rettung der Reichsbrücke, die weitere Verluste der 3. Ukrainischen
Front verhinderte,43 zählt zu den ständigen Sujets in der Schilderung der
Kämpfe auf österreichischem Territorium. Gleich mehrere Veteranen be-
tonen, selbst unmittelbar daran beteiligt gewesen zu sein. Zu Recht meint der
damalige Oberst Ivan Šinkarev, geboren 1917: „Im Zusammenhang mit den
Kämpfen in Österreich blieb eine Episode in Erinnerung, die finale Episode:
am 13. April der Kampf um die Reichsbrücke. Vielleicht interviewten Sie be-
reits unsere Matrosen, die daran beteiligt waren, die Donau-Flottilie? […] Das
ist eine Streitfrage. Alle möchten sich den Ruhm, die einzige Brücke, die wir
vor der Zerstörung retteten, zuschreiben. Deswegen warne ich Sie einfach,
dass das passieren kann.“44 Tatsächlich regte die Reichsbrücke, die zwischen
1946 und 1956 „Brücke der Roten Armee“ hieß, aufgrund ihrer strategischen
Bedeutung und ihrer Geschichte zur Bildung heroischer Legenden an, die in
der Erinnerungsliteratur, in Prosatexten und Gedichten, überliefert wurden.
Auch in die offizielle sowjetische Historiografie gingen sie ein.45
41 OHI, Andrej Kul’nev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Rostov 2.3.2003.
42 Bezborodov – Pavlenko, Erinnerungen an Österreich, S. 405.
43 OHI, Orlov. Durchgeführt von Bakši.
44 OHI, Ivan Šinkarev. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 26.1.2003.
45 Toper, Blick aus Moskau, S. 91f.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918