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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 709
frei. Wir gingen, redeten, unterhielten uns überall“, erinnert sich Nina Bub-
nova, 1924 in Kiew geboren. Im April 1945 kam sie als Telefonistin im Rang
eines Sergeanten mit der 4. Garde-Armee nach Wien.60 Ihre Einschätzung,
dass die Rote Armee als „Befreierin“ durchwegs freundlich von der österrei-
chischen Bevölkerung aufgenommen wurde, ist bezeichnend. Auch auf die
anfänglich freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Rotarmisten und
den Alliierten wird mehrfach verwiesen.
Die meisten der Interviewpartner betonen, welche guten Erinnerungen
sie an Österreich bewahrten. Auch der 1925 in Moskau geborene Vladimir
Ėpštein, der als Leutnant bei der „Einnahme Wiens“ mitwirkte, weist auf die
positiven Erfahrungen mit der einheimischen Bevölkerung hin: „Auf jeden
Fall war die Bevölkerung Wiens uns gegenüber positiv eingestellt. Zumin-
dest blieb mir dieser Eindruck von Wien und seinen Einwohnern in Erinne-
rung: diese weißen Häuser, die herrliche Architektur, die freundlichen Men-
schen, freundliche Stimmung. Wenn du an ihnen vorübergehst, merkst du ja,
wie die Leute eingestellt sind. Ich kann nichts Schlechtes in diesem Zusam-
menhang sagen. In Österreich war die Beziehung sehr gut, glaube ich. Das
Wichtigste ist, dass wir Wien verschonten, wir hätten es ja auch zerstören
können.“61
Ressentiments bemerkte der an Malaria erkrankte Ėpštein allerdings an-
fangs bei seinem unfreiwilligen Quartiergeber. Er wundert sich beinahe, dass
der Wiener die Soldaten nur ungern in seine Wohnung ließ: „Wir läuten an
der Tür. Sie geht halb auf, es schaut ein Österreicher heraus, für uns ein Deut-
scher, das heißt, er spricht Deutsch. Wir verstehen kein Wort von dem, was
er sagt. Er möchte uns nicht einlassen. Aber ein Soldat, von der Patrouille,
stellte seinen Fuß in die Tür. Kurz gesagt, wir drangen ein. Wir drei. Er war
gezwungen, uns zu öffnen. Zuerst hatte er uns nicht einlassen wollen.“62 Spä-
ter betont Ėpštein, wie sich die Situation wandelte: Während er sich mehre-
re Tage mithilfe von Chinin kurierte, versuchte nun der Hausherr, mit ihm
ins Gespräch zu kommen und schließlich eine russische Bestätigung für die
gute Behandlung des sowjetischen Leutnants zu erhalten, wofür er ihm sogar
Zigaretten schenkte: „Und er brachte mir Zigaretten, mit so einem kleinen,
winzigen Mundstück, so eines nach russischem Geschmack, damit der Tabak
nicht in den Mund kommt. Er brachte das Geschenk. Für mich kam das völlig
unerwartet.“63
60 OHI, Nina Bubnova. Durchgeführt von Sergej Drobjasko. St. Petersburg 24.5.2003.
61 OHI, Vladimir Ėpštein. Durchgeführt von Sergej Drobjasko. Moskau 29.6.2003.
62 Ebd.
63 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918