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III. Formen der
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hier und sahen ihre Einstellung auf der Straße sowie in jenen Bierstuben, in
denen wir Bier tranken. […] Das Wichtigste, Bedeutendste in unserer Arbeit
bestand darin, den Soldaten zu sagen, dass das kein Feind ist, dass wir uns
unter dem freundlichen österreichischen Volk befinden.“68
Die permanent geforderte Differenzierung zwischen „Deutschen“ und
„Österreichern“ fiel den Armeeangehörigen allerdings vielfach nicht so
leicht.69 Die Problematik bestand vor allem darin, eine genaue Unterschei-
dung trotz der gemeinsamen Sprache und gleichen Uniform treffen zu
müssen: „Wir verstanden es nicht. Siehst du jemand in der Uniform eines
Deutschen, ist er ein Deutscher. Aber in Wirklichkeit ist er ein Österreicher.
Deutschland und Österreich, sie hatten, sozusagen, eine Sprache, sprachen in
derselben Sprache. Deswegen unterschieden wir nicht: Ist er ein Österreicher
oder ist er kein Österreicher. – Wenn die Uniform deutsch ist, ist das folglich
ein deutscher Soldat.“70
2.1.3 „Teufel mit Hörnern“: Vorstellungen des österreichischen „Russenbildes“
Die angeführte Erwähnung antisowjetischer NS-Propaganda stellt keine
Ausnahme dar. Mehrfach kommen einschlägige Plakate oder Broschüren zur
Sprache, die bei den interviewten ehemaligen sowjetischen Militärangehö-
rigen Verwunderung und Bestürzung hervorriefen. In diesem Kontext the-
matisieren sie dann meist das wohlwollende Verhalten der österreichischen
Bevölkerung ihnen gegenüber, wodurch sie indirekt die Absurdität des von
der Propaganda transportierten negativen „Russenbildes“ herausstreichen.
Ein Beispiel dafür ist die Schilderung von Nikolaj Golyšev, der am 13. Ap-
ril bei den Kämpfen in Wien verwundet und anschließend in einem Lazarett
behandelt wurde. Zunächst berichtet der Veteran von einem Kameraden, der
ihm von seinem Gespräch mit einer österreichischen Familie erzählte. Dem-
nach hätten „die Deutschen ihnen suggeriert, dass Teufel mit zwei Hörnern
kommen würden, dass diese alle vergewaltigen, erschießen, töten würden,
so. Und sogar wir selbst sahen während der Kämpfe einige Plakate: Darauf
waren unsere Soldaten so entstellt abgebildet, unsere Armee, unser Sichel
und Hammer, der rote Stern, schrecklich!“ In diesem Zusammenhang be-
richtet er von der Reaktion der Familie, die vom friedlichen Verhalten der
sowjetischen Soldaten überrascht war: „Wie kann denn das sein? Wir sitzen
zusammen, essen, eure Soldaten sind unbewaffnet.“ Abschließend zieht er
68 OHI, Paščenko.
69 Siehe dazu auch das Kapitel A.II.1.3.1 „Unterschied zwischen Österreichern und deutschen Be-
satzern“ in diesem Band.
70 OHI, Boris Van’kov. Durchgeführt von Dar’ja Gorčakova. Moskau 21.6.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918