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III. Formen der
Erinnerung714
„Ich weiß überhaupt nicht, was ich für ein Mensch war. Ich hatte eine
Energie, das verstehe ich bis heute nicht. So eine Freude, so eine Jugend und
so eine Liebe. […] Und ich sang, sang. Die Sonne geht auf, die Vögel singen,
und daneben ist Strauß, verstehen Sie? […] Wien ist schön und gut. Ich habe
gute Laune, ich bin jung, schön und bis zu einem gewissen Grad frei. […] Wir
sind Sieger, Sieger“,76 schwärmt etwa Egor Isaev, der in der Redaktion der
CGV-Zeitung „Za čest’ Rodiny“ arbeitete und unter anderem das Poem „Nad
volnami Dunaja“ („Auf den Wellen der Donau“) schuf.77 Es war auch für ihn
gewissermaßen ein „unglaublicher Frühling“.78 Im Laufe von zwei Interviews
kommt er mehrfach auf seine „erste Liebe“ zu sprechen, derentwegen Wien
in seiner Erinnerung ein Synonym für „Frühling, Musik und Liebe“ ist.79
Weniger eindeutig geht der 1923 in Moskau geborene Konstantin Arci-
novič, der nach seiner Demobilisierung noch zwei Jahre im Ensemble der
Zentralen Gruppe der Streitkräfte in Österreich als Musiker wirkte, auf das
Thema ein. Zunächst berichtet er ganz allgemein von den guten Beziehungen
zur Bevölkerung: „Insgesamt war das eine gute Zeit. Und was für Beziehun-
gen! Sehen Sie, ich erinnere mich mit Vergnügen an all das. Die Österreicher
sind sehr freundliche Menschen. Beispielsweise fühlte ich nicht, dass sie mich
wie einen Besatzer behandelten. Zumindest jene, mit denen ich in Berührung
kam. Da sind die Fotos: mit ihren Kindern bei uns am Arm. Und das ist Ma-
ria, die Enkelin der Quartiergeberin.“80 Erst nach und nach wird deutlich,
dass nicht nur viele der Offiziere – verbotene – Liebesbeziehungen eingingen,
sondern auch er selbst eine österreichische Freundin hatte: „Es bleibt die Erin-
nerung daran. Und vielleicht kann auch sie sich erinnern. Wer weiß?“, meint
er lächelnd.81 Eine ehemalige Kameradin berichtet, Arcinovič habe diese Frau
sehr geliebt und sie auch heiraten wollen, doch seien – abgesehen vom Verbot
einer Heirat von sowjetischer Seite – auch ihre Eltern dagegen gewesen.82
Das tragische Ende beinahe all dieser Romanzen beschäftigt viele der Ve-
teranen ihr Leben lang. In den meisten Interviews schwingt daher auch eine
76 OHI, Isaev. Durchgeführt von Bakši.
77 E. Isaev, Nad volnami Dunaja. Poėma. Moskau 1955. Vgl. Reitinger, Österreich in den Augen der
Sowjetliteratur, S. 116. Sein einziges beachtetes Werk „Sud pamjati“ und „Dal’ pamjati“, zwischen
1955 und 1977 entstanden, erhielt 1980 den Leninpreis. Die in pathetischen Versen verfasste Erzäh-
lung geht von drei ehemaligen deutschen Soldaten in der klischeehaft militaristisch und faschistisch
gesehenen Bundesrepublik aus. Vgl. Kasack, Lexikon der russischen Literatur, S. 451f.
78 Alexander von Plato – Almut Leh, „Ein unglaublicher Frühling“. Erfahrene Geschichte im Nach-
kriegsdeutschland 1945–1948. Bonn 1997.
79 Ebd. OHI, Isaev. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
80 OHI, Arcinovič.
81 Ebd.
82 OHI, Kurilina. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918