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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 717
ben entsprochen hätte. Zudem verweist er
auf seinen nicht ganz nüchternen Zustand,
der sein damaliges Verhalten zusätzlich
relativieren soll: „Wir nächtigten in einem
Haus, dort war ein Mädchen, Katica, eine
Slowenin. Sie war zu Gast bei ihrer Tante.
Wir tranken ein bisschen, ich sage: ‚Willst
du mich heiraten?‘ Sie sagt: ‚Ja!‘ Aber das
waren Slawen, wie Brüder.“89
Anschließend kommt er auf die aus
seiner Sicht beinahe unwiderstehliche At-
traktivität der sowjetischen Offiziere zu
sprechen: „Natürlich gab es solche Fälle,
Liebesbeziehungen, und die Frauen, Ehe-
frauen, weinten sehr, als sie wegfuhren
und sagten: ‚Ich fahre mit Ivan mit.‘ Nun,
bildlich gesprochen. Unsere Männer gefie-
len sehr. Nun, unsere Männer sind zärtlich,
gut, sie sind nicht aggressiv. Ausländerin-
nen sind bis heute über die russische Seele
erstaunt. […] Insgesamt waren die Bezie-
hungen freundlich, darunter auch jene der
Frauen zu unseren Burschen. Das muss man nicht verheimlichen. Wir glauben
nicht … Auch die Männer waren uns gegenüber nicht feindlich eingestellt.“90
Einige der interviewten Frauen beziehen sich ebenfalls auf Liebesbezie-
hungen, allerdings nicht mit Österreichern, sondern mit sowjetischen Militär-
angehörigen. So ist für Varvara Ignatova, 1919 im Gebiet Smolensk geboren,
die Erinnerung an Österreich mit romantischen Gefühlen verbunden. Hier
entschloss sie sich – „zum Glück“, wie sie betont –, Major Kozinec zu heira-
ten: „Mir blieben natürlich kolossale Eindrücke. Österreich hinterließ in mir
eine tiefe Spur für mein ganzes Leben. Ich entschloss mich dort, die Frau von
Major Kozinec zu werden, mit dem ich lange lebte, was ich nicht bedauere.
Wir verbrachten 55 Jahre und einen Monat zusammen.“91
Für Ignatova, die ab 1941 als Buchhalterin im Handelsbetrieb zur Versor-
gung der Streitkräfte („voentorg“) diente, symbolisiert ihre Zeit in Österreich
den Beginn einer langen, glücklichen Beziehung. Im Gegensatz zu den männ-
89 Ebd.
90 Ebd.
91 OHI, Varvara Ignatova. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 1.12.2002.
Abb. 121: Die beiden Angehörigen
der sowjetischen Besatzungsmacht
beschlossen, in Österreich zu heiraten.
(Quelle: AdBIK, Sammlung Kozinec)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918