Page - 719 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 719 -
Text of the Page - 719 -
2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 719
le ein und schalteten sie ein. Und durch die Straßen Wiens werden die Strauß-
Walzer getragen. Die Eroberung, die Straßenkämpfe. Stellen Sie sich das vor!
Das war eine derartige Idylle!“95
Auch Valentina Kurilina verbindet mit dem Kriegsende in Wien den Be-
such der Strauß-Denkmäler. Bereits in Ungarn freute sie sich darauf, diese
Orte, die sie „hundertmal“ im Kino gesehen hatte, nun selbst aufsuchen zu
können: „Alle hatten vor allem die Vorstellung, dass das die Heimat von
Strauß ist. Dass wir all diese Denkmäler, falls sie ganz bleiben würden, sehen
müssen, und den Friedhof dieser Strauß-Dynastie. Denn bei uns war sehr lan-
ge dieser Film, dieser ‚Wiener‘ [‚Der Große Walzer‘] gelaufen, wo Karla Don-
ner spielte, wir hatten ihn, wissen Sie, hundertmal mit Entzücken gesehen.
Als wir erfuhren, dass wir zum Kampf nach Wien kommen würden – die
Truppen erhielten die Weisung, nicht mit schweren Geschützen auf Wien zu
schießen. Um nicht diese Denkmäler zu zerstören, diese bekannten, und die
Opernhäuser und die Museen. […] Und als wir nach Wien kamen, verspür-
ten alle den Wunsch, diesen fürchterlichen Wunsch, die Denkmäler, diesen
Friedhof, wo alle Strauße begraben sind, zu besuchen.“96
Andere Veteranen betonen ebenfalls, diese Kulturdenkmäler zu Kriegsen-
de vor der Zerstörung bewahrt zu haben. Dazu der Artillerist Pavel Lancov,
1925 in Moskau geboren: „In Wien gab es den Wiener [Zentral-]Friedhof. Als
wir den Wiener Friedhof betraten, dort in der Nähe war Strauß. Aber, wir
bewahrten es! Es gab keine Pogrome. Und es war nicht einmal erlaubt, mit
Artillerie auf dem Friedhof zu schießen!“97
In der Selbstwahrnehmung einiger der Veteranen trug die Wertschätzung,
die sowjetische Armeeangehörige österreichischen Komponisten entgegen-
brachten, zur Steigerung ihrer Popularität bei. Tatsächlich etablierte sich bis
zu einem gewissen Grad das Bild des „kunstbegeisterten Russen“ bei ös-
terreichischen Zeitzeugen.98 Bemerkenswert erscheint die Schilderung von
Generalmajor Borisov, der auf einen Wandel in der Haltung der österreichi-
schen Bevölkerung gegenüber der Roten Armee hinweist: „Wir waren sehr
erstaunt, dass man sich in den Dörfern uns gegenüber vorsichtig verhielt. Na-
türlich gaben sie und taten das, was wir verlangten, aber besonders freund-
lich war die Haltung nicht. Unsere Soldaten, Offiziere, die in jedes Haus gin-
gen, kannten die Walzer von Strauß, die Motive. Denn vor dem Krieg lief in
der UdSSR ‚Der Große Walzer‘, und jede Familie hatte Schallplatten mit allen
95 OHI, Barančikov.
96 OHI, Kurilina. Durchgeführt von Stelzl-Marx.
97 OHI, Pavel Lancov. Durchgeführt von Dar’ja Gorčakova. Moskau 16.10.2003.
98 Dornik, Besatzungsalltag in Wien, S. 466.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918