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III. Formen der
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terreich kennenlernte. „Erstens war ich jung. Dann hatte ich in der tiefsten
Provinz gelebt. Ich hatte nichts gesehen! Das war für mich natürlich so eine
Offenbarung. Das Ausland! Alles war natürlich sehr ungewohnt: sowohl die
anderen Gewohnheiten, sogar die Verhaltensformen. Ja, die Verhaltensfor-
men, was soll man sagen? Alles war sehr galant, höflich. Immer eine ausge-
sprochene Höflichkeit. […] Und natürlich gingen wir in Geschäfte und gin-
gen spazieren, schlenderten durch die Straßen. […] Alles war sauber, alles
ordentlich, alles akkurat, alles typisch deutsch gemacht.“107 Ihr Bild von der
einheimischen Bevölkerung entspricht teilweise den durch die russische Li-
teratur und die sowjetische Kriegspropaganda etablierten Stereotypen der
„Deutschen“.
In diesem Zusammenhang verweist die Mezzosopranistin auf die politi-
sche Vorbereitung, der sie gemeinsam mit ihrem im selben Ensemble enga-
gierten Mann vor der Abreise unterzogen wurde: „Als sie uns in das Haus
der Sowjetischen Armee holten, führten sie mit uns ein Gespräch: ‚Ihr fahrt?
Wisst ihr, wohin ihr fahrt? In ein kapitalistisches Land! So, versteht ihr, wie
man sich verhalten muss?‘ Vor allem. Nun, wir sagen: ‚Wieso sollen wir das
nicht wissen?‘ Verstehst du? Wir waren ja erwachsene Leute. Wir verstehen,
wohin wir fahren und wie wir uns verhalten sollen.“108 Als Folge dieser Ein-
stellung gegenüber dem „kapitalistischen Land“ hatte sie wenig Kontakt zur
österreichischen Bevölkerung: „Wir wurden sehr bevormundet. Damit es kei-
ne Unannehmlichkeiten gab. Sie folgten jedem, wörtlich gesagt, beinahe auf
den Fersen.“109
Die Stationierung in Österreich ermöglichte es auch der damaligen Fun-
kerin Serafima Volosožar, 1923 im Gebiet Voronež geboren, Neues kennen-
zulernen. So zeigt sich die Veteranin, die in der Redaktion von „Za čest’ Ro-
diny“ arbeitete, auch heute noch von ihrem ersten Opernabend beeindruckt:
„Wir erfüllten dort unsere Arbeit. Aber alles war dort interessant, dort war es
schon interessant. Erstens gab es Theater, Opern. Ich erzählte meiner Groß-
mutter, dass ich das erste Mal in einem echten Opernhaus war, denn ich bin
ein Mädchen aus der Provinz. […] Und dort wurden wir sogar neben der
Oper untergebracht, wir waren so glücklich, wir gingen dort in die Oper.“110
Vielfach hinterließen nicht nur die Gepflogenheiten, die Musik und die
Architektur in Österreich einen nachhaltigen Eindruck, sondern auch die ge-
pflegten Häuser und die „wie eine Saite geraden Straßen“.111 Auf die Frage
107 OHI, Marija Sljusar’. Durchgeführt von Dar’ja Gorčakova. Moskau 10.7.2003.
108 Ebd.
109 Ebd.
110 OHI, Serafima Volosožar. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Rostov 2.3.2002.
111 OHI, Mel’nikov.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918