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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 725
ehrenvoller.‘ Und sie gingen in diesen kurzen Hosen zum Oberst.“120 Auch
Igor’ Reformackij meint: „Je mehr die Lederhosen glänzten, desto besser.“121
Andere bemerkten vor allem die „österreichischen Hüte mit diesen Pinseln“,
womit Gamsbärte gemeint waren.122
In ähnlicher Weise fiel dem damaligen Garde-Leutnant Aleksandr Orlov
auf, wie gut die Österreicher – ungeachtet des Krieges – lebten. Bemerkens-
wert erscheint, dass er für diese frühe Besatzungszeit den Terminus „Deut-
sche“ verwendet: „Und als sich die erste Begeisterung [nach Kriegsende] leg-
te, begannen wir also zu schauen, wie die Deutschen leben. Es zeigte sich,
dass sie gut lebten, ungeachtet dessen, dass Krieg gewesen war. […] Als wir
durch die Ukraine gezogen waren, dort, dort war alles [zerstört]. Der Krieg
hatte dort [alles zerstört]. Sie lebten natürlich schlecht. Aber als wir hierher
kamen – nun, saubere Häuser, Elektrizität. Alles. Überall Asphalt. Das beein-
druckte natürlich.“123
Auf die Stromversorgung kommt auch der damalige Leutnant Isaak Taflja
zu sprechen: „In der Nacht vom 6. auf den 7. April näherten wir uns Wien.
Ich ging also mit einigen Aufklärern voraus, wir gingen in einen Garten, dort
waren noch die vorjährigen Beete, ein Holzhaus stand da, eine Terrasse. Wir
drückten die Türschnalle hinunter – die Tür ist offen. Wir drückten auf den
Lichtschalter – das Licht brennt. Wir waren erstaunt: Zwei Jahre hatten wir
kein elektrisches Licht gesehen, und hier brennt das Licht, als ob es keinen
Krieg gibt.“124
Durch das Leben in Privathäusern kamen die Offiziere und vor allem
ihre Gattinnen mit Haushaltsgeräten und Einrichtungsgegenständen in Be-
rührung, die sie bis dahin nicht gekannt hatten. „Ich sah zum ersten Mal in
meinem Leben einen Staubsauger und zum ersten Mal eine Waschmaschi-
ne – sah sie nicht, sondern erfuhr, dass es Waschmaschinen in den Häusern
gibt. […] Am Anfang wusch uns eine alte Österreicherin die Wäsche, eine
einfache Frau. Sie kam, brachte die Wäsche, immer sehr gut gewaschen und
gestopft“,125 erinnert sich Viktorija Perlamutrova, die Gattin eines bis 1946
in Österreich stationierten Majors. „Rosi kam jeden Morgen, wie ich Ihnen
erzählte, in so einem einfachen Kleid mit Handschuhen, brachte den Staub-
sauger, und dort gab es Teppiche! Ja! Ich sah dort noch eine Garnitur. Ich
hatte so etwas nie gesehen. Vielleicht gab es sie auch bei uns bei jemand in
120 OHI, Anatolij Prjachin. Durchgeführt von Ol’ga Pavlenko. Moskau 18.11.2002.
121 OHI, Reformackij. Durchgeführt von Pavlenko.
122 OHI, Perlamutrova.
123 OHI, Orlov. Durchgeführt von Bakši.
124 OHI, Isaak Taflja. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 10.3.2003.
125 OHI, Perlamutrova.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918