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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 735
uns gemacht hattet. Ihr habt unser Volk beleidigt, und wir‘, sagt er, ‚rächten
uns dafür.‘ Richtig. Das sagt offiziell niemand, aber faktisch, eigentlich. […]
Alle wussten davon! So etwas macht man nicht auf der Straße, sondern in
irgendeinem Eck!“156
Allerdings bleibt unklar, wo und wann genau es zu den angesprochenen
Exzessen kam. Auch in diesem Fall war die Rache nicht „symmetrisch“: Per-
sönliche Erfahrungen oder persönliche Tragödien einzelner Militärangehö-
riger führten ebenso wenig automatisch zu Racheakten, wie das Fehlen der-
artiger Ereignisse die Rachgier anderer im Keim erstickte.157 Hinsichtlich der
Situation in Österreich unterstreicht Gorobec, wie die geplante Rache letztlich
durch Befehle und Strafen eingedämmt wurde: „Sie straften. Und straften or-
dentlich, straften. Als wir einmarschierten, als wir die Grenze überschritten,
[sagte man]: ‚Hier werden wir alles tun, was wir wollen!‘ Ja, unsere Führung:
‚Ja, hier werden wir [alles tun]!‘ Aber dann kam der Befehl, nichts anzurüh-
ren. Wenn jemand aus dem Rahmen fiel, wurde er bestraft, bestraft. Damit
nicht vergewaltigt wurde.“158 Durch die Betonung der Strafmaßnahmen sei-
tens der Militärführung relativiert der Interviewpartner das Ausmaß der tat-
sächlich geübten Rache.
Der damalige Gefreite und Scharfschütze Egor Kuzmičev erwähnt in sei-
nem Interview Übergriffe in einem ungarischen Frauenkloster. Diese schienen
ihm gewissermaßen gerechtfertigt zu sein, da die Klosterschwestern angeblich
mit den Deutschen kollaboriert hatten: „Es gab dort so eine Situation, vor der
Grenze, die Stadt auf ‚Sch‘, habe ich vergessen. Diese kleine Stadt. Und dort
gab es ein Frauenkloster. […] Sie waren weiß gekleidet, wie das heißt, wissen
wir nicht. Aber ich erzähle das, weil man uns sagte, vorsichtig zu sein: Deut-
sche. Im Kloster, obwohl das nicht möglich ist. Dann zeigte sich, dass sie sich
hastig so angezogen hatten, aber die Stiefel waren sichtbar. Ich sage, natürlich
gab es dort Schwestern, und es gab Verkleidete. Aber hier entstand natürlich
ein Tumult. Sie sagten: ‚Da ihr deutsche Offiziere gerettet habt, verliert ihr zur
Belehrung eure Ehre!‘ Da war nichts zu machen, verstehen Sie?“159 Der dama-
lige Oberst Boris Van’kov schildert gleichfalls eine Vergewaltigung in einem
ungarischen Frauenkloster, hebt allerdings die harte Bestrafung der Täter – in
einem Fall die Erschießung eines Unteroffiziers – hervor.160
In den anderen Fällen bleiben die Interviewpartner weitaus vager und ab-
strakter, sobald die Sprache auf Vergewaltigungen kommt. Vor- und Nach-
156 OHI, Timofej Gorobec. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Rostov 2.3.2003.
157 Budnitskii, Germany, 1945, trough the Eyes of Soviet Intellectuals, S. 13.
158 Ebd.
159 OHI, Kuzmičev.
160 OHI, Van’kov.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918