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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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Page - 735 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955

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2. Mündlich wiedergegebene Erinnerung: Topoi und Tabus 735 uns gemacht hattet. Ihr habt unser Volk beleidigt, und wir‘, sagt er, ‚rächten uns dafür.‘ Richtig. Das sagt offiziell niemand, aber faktisch, eigentlich. […] Alle wussten davon! So etwas macht man nicht auf der Straße, sondern in irgendeinem Eck!“156 Allerdings bleibt unklar, wo und wann genau es zu den angesprochenen Exzessen kam. Auch in diesem Fall war die Rache nicht „symmetrisch“: Per- sönliche Erfahrungen oder persönliche Tragödien einzelner Militärangehö- riger führten ebenso wenig automatisch zu Racheakten, wie das Fehlen der- artiger Ereignisse die Rachgier anderer im Keim erstickte.157 Hinsichtlich der Situation in Österreich unterstreicht Gorobec, wie die geplante Rache letztlich durch Befehle und Strafen eingedämmt wurde: „Sie straften. Und straften or- dentlich, straften. Als wir einmarschierten, als wir die Grenze überschritten, [sagte man]: ‚Hier werden wir alles tun, was wir wollen!‘ Ja, unsere Führung: ‚Ja, hier werden wir [alles tun]!‘ Aber dann kam der Befehl, nichts anzurüh- ren. Wenn jemand aus dem Rahmen fiel, wurde er bestraft, bestraft. Damit nicht vergewaltigt wurde.“158 Durch die Betonung der Strafmaßnahmen sei- tens der Militärführung relativiert der Interviewpartner das Ausmaß der tat- sächlich geübten Rache. Der damalige Gefreite und Scharfschütze Egor Kuzmičev erwähnt in sei- nem Interview Übergriffe in einem ungarischen Frauenkloster. Diese schienen ihm gewissermaßen gerechtfertigt zu sein, da die Klosterschwestern angeblich mit den Deutschen kollaboriert hatten: „Es gab dort so eine Situation, vor der Grenze, die Stadt auf ‚Sch‘, habe ich vergessen. Diese kleine Stadt. Und dort gab es ein Frauenkloster. […] Sie waren weiß gekleidet, wie das heißt, wissen wir nicht. Aber ich erzähle das, weil man uns sagte, vorsichtig zu sein: Deut- sche. Im Kloster, obwohl das nicht möglich ist. Dann zeigte sich, dass sie sich hastig so angezogen hatten, aber die Stiefel waren sichtbar. Ich sage, natürlich gab es dort Schwestern, und es gab Verkleidete. Aber hier entstand natürlich ein Tumult. Sie sagten: ‚Da ihr deutsche Offiziere gerettet habt, verliert ihr zur Belehrung eure Ehre!‘ Da war nichts zu machen, verstehen Sie?“159 Der dama- lige Oberst Boris Van’kov schildert gleichfalls eine Vergewaltigung in einem ungarischen Frauenkloster, hebt allerdings die harte Bestrafung der Täter – in einem Fall die Erschießung eines Unteroffiziers – hervor.160 In den anderen Fällen bleiben die Interviewpartner weitaus vager und ab- strakter, sobald die Sprache auf Vergewaltigungen kommt. Vor- und Nach- 156 OHI, Timofej Gorobec. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Rostov 2.3.2003. 157 Budnitskii, Germany, 1945, trough the Eyes of Soviet Intellectuals, S. 13. 158 Ebd. 159 OHI, Kuzmičev. 160 OHI, Van’kov.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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