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III. Formen der
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namen konkreter Personen fehlen, die Sujets weisen einen mythologisieren-
den Charakter auf, und kein einziges Mal wird eine persönliche Beteiligung
an derartigen Taten auch nur angedeutet.161 Manche geben zwar zu, dass Ex-
zesse vorkamen, verweisen allerdings sofort auf die harten Strafen: „Es gab
sie, gab sie. Aber das wurde streng geahndet. Unser Kommando verlangte
von uns, weder zu marodieren noch zu vergewaltigen, um die örtliche Bevöl-
kerung nicht zu beleidigen.“162
Andere, wie etwa Fadin, negieren Übergriffe durch sowjetische Solda-
ten gänzlich: „Gott behüte, dass es dort Vergewaltigungen gegeben hätte,
Gott behüte! […] Ich habe davon nichts gehört. Nein, ich würde es wissen!
So etwas gab es nicht! Deshalb wurden wir auch so empfangen vor, wie mir
scheint, 50 Jahren in Wien. Ich weiß, dass man uns auch jetzt gerne empfängt.
Daran gibt es keinen Zweifel, keinen Zweifel.“163 Auch Anatolij Kolganov
schließt derartige Vorfälle kategorisch aus: „Es gab keine Vergewaltigungen.
Für Vergewaltigungen, Marodieren gab es den Befehl, [den Schuldigen] an
Ort und Stelle zu erschießen.“164
In ähnlicher Weise betont Vladilen Daniločkin, niemals Vergewaltigungen
beobachtet zu haben, was er vor allem auf die strenge Disziplin zurückführt:
„Ich persönlich kann mich an solche Fälle nicht erinnern, Derartiges beobach-
tete ich nicht. Außerdem hörte ich auch von meinen Genossen nichts derglei-
chen.“ Daraufhin führt der Veteran an, sich jedoch an einen Fall erinnern zu
können, bei dem mehrere Kameraden in die Berge gegangen seien, wo sie ei-
nen Bewohner überfallen und getötet hätten. Sie seien allerdings gefasst, ver-
urteilt und zur Strafverbüßung in die Sowjetunion transportiert worden. Nach-
dem er auf diese Weise sein gutes Gedächtnis bewies, folgt ein Verweis auf die
Disziplin in den Truppen: „Niemand, niemand verstieß gegen die Militärdis-
ziplin. Wir waren im Kriegszustand, wir fühlten uns als Militärangehörige wie
im Krieg und deswegen konnte es einfach derartige Fälle nicht geben.“165
Auch weibliche Interviewpartnerinnen heben hervor, dass es in Österreich
– im Gegensatz zu Ungarn – nur zu wenigen bis gar keinen Fällen von Ver-
gewaltigung gekommen sei: „In Ungarn, in Ungarn gab es einen Fall. Nun,
es gab einzelne Gerichtsprozesse. Daran war ich beteiligt. […] Aber in Öster-
reich gab es das nicht. Ich sage, dass das nur eine kurze Zeit war und prak-
tisch schon vor dem Kriegsende“,166 meint etwa Elena Evtichieva.
161 Bezborodov – Pavlenko, Erinnerungen an Österreich, S. 402.
162 OHI, Golyšev.
163 OHI, Fadin.
164 OHI, Kolganov.
165 OHI, Daniločkin.
166 OHI, Evtichieva.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918