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III. Formen der
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für wertvolle Hinweise und mitunter sogar Zitate aus dem Zentralarchiv des
Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation sollen die Authen-
tizität des Geschilderten zusätzlich garantieren.193 Sie decken den Großteil
des Spektrums sowjetischer Erinnerungen an Österreich 1945–1955 ab. Nur
vereinzelt erschienen Erinnerungen von Diplomaten wie der „Augenzeugen-
bericht“ von Nikolaj Lun’kov194 oder auch von Mitarbeitern der USIA, etwa
die in der dritten Person geschriebene Biografie von Aleksandr Ustinov.195
Lediglich ein Text ist – zumindest bisher – von einer Frau bekannt: Die ehe-
malige Dolmetscherin einer Spionageabteilung der Armee, Ingrida Nikolaev-
na Sokolova, verfasste „Die Biografie einer Generation“, in der sie über ihren
dreijährigen Einsatz in Wien erzählt.196
Offensichtlich bestand ein geringeres Interesse an Memoiren über die Be-
satzungszeit als über die als unvergleichlich heroischer empfundenen mi-
litärischen Erlebnisse während des Vormarsches der Roten Armee bzw. zu
Kriegsende.
3.1 Sluckijs Autobiografie „Über die anderen und über mich“
Eine Ausnahme stellt die Autobiografie des anerkannten Lyrikers Boris
Sluckij „O drugich i o sebe“ dar. Der Autor spricht – wie auch einige ande-
re, vorwiegend jüdische, sowjetische Intellektuelle, die ihre Eindrücke von
Deutschland zu Papier brachten – eine Reihe von in der Sowjetunion tabu-
isierten Themen relativ schonungslos an. Dazu zählen der – unter anderem
von Ėrenburg – geschürte Hass auf die Deutschen, von Rotarmisten verübte
Rache, Antisemitismus in der sowjetischen Gesellschaft und Armee, Plün-
derungen, Vergewaltigungen oder Liebesaffären mit einheimischen Frauen
ebenso wie das Empfinden eines Gefühls von Freiheit durch die Konfronta-
tion mit Europa.197 Wenig verwunderlich erschien dieses Werk erst 2005 – 60
193 Vgl. etwa N. N. Gladkov – I. I. Šinkarev, Na pole ratnom. Boevoj put’ 7-j gvardejskoj Čerkasskoj Kras-
noznamennoj ordena Bogdana Chmel’nickogo vozdušno-desantnoj divizii. Moskau 1993. Bezeichnen-
derweise stellt auch hier die Rettung der Reichsbrücke ein zentrales Sujet dar. Vgl. ebd., S. 147–151.
194 Lun’kov, Vena – kakoj ona byla v sorok pjatom.
195 Aleksandr Ustinov, Venskie priključenija odnogo russkogo, opisannye im samim za 1000 dnej svoe-
go prebyvanija v Avstrii. Unveröffentlichtes Manuskript. O. O. o. J.
196 I. N. Sokolova, Biografija odnogo pokolenija. Moskau 1980.
197 Vgl. dazu und zum Folgenden: Budnitskii, Germany, 1945, through the Eyes of Soviet Intellectuals.
Ähnliche Themen, die sich nicht in der sowjetischen wie postsowjetischen Geschichtsdeutung fin-
den, spricht auch Vladimir Gel’fand in seinem Tagebuch an, das Elke Scherstjanoi 2005 auf Deutsch
veröffentlichte. Der Vorteil auch dieses „Ego-Dokuments“ ist, dass darin nachträglich nichts ver-
ändert wurde. Vgl. Wladimir Gelfand, Deutschland-Tagebuch 1945–1946. Aufzeichnungen eines
Rotarmisten. Aus dem Russischen von Anja Lutter und Hartmut Schröder. Ausgewählt und kom-
mentiert von Elke Scherstjanoi. Berlin 2005.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918