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III. Formen der
Erinnerung746
Seine Einschätzung, die an der Bevölkerung geübte Vergeltung sei ge-
recht, entsprach der vorherrschenden Stimmung in der Armee: „Nein, unser
Zorn und unsere Grausamkeit brauchen keine Rechtfertigung. Es war nicht
an der Zeit, über das Recht und die Wahrheit zu sprechen. Die Deutschen
hatten zuerst die Linie zwischen Gut und Böse überschritten. Dafür würden
sie hundertfach bestraft werden!“211 An einer anderen Stelle widerspricht er
sich selbst: „Unsere Grausamkeit war zu groß, um gerechtfertigt werden zu
können. Man kann und soll sie erklären.“212 In diesem Zusammenhang the-
matisiert er unter anderem die Vergewaltigungen und Plünderungen, die
nach der Einführung der Paketerlaubnis einen „revolutionären Sprung“213
machten, was in der sowjetischen Erinnerungsliteratur üblicherweise wei-
testgehend ausgespart blieb.
3.1.3 „Uns jagen sie wie die Hasen“
Sluckij versucht, die Vergewaltigungen, die mit dem Überschreiten der ös-
terreichischen Grenze noch zunahmen, durch mehrere Faktoren zu erklären.
Denn bereits in Bulgarien, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien sei es mit der
Disziplin bergab gegangen, „aber erst hier, im Dritten Reich, fielen sie über
semmelblonde Frauen her, über ihre Lederkoffer, die alten Schläuche mit
Wein und Most“.214 Einerseits gibt er der personellen Zusammensetzung der
sowjetischen Truppen die Schuld: „Zu dieser Zeit stach in der Armee eine
Gruppe professioneller Kadervergewaltiger und Marodeure hervor. Das wa-
ren Leute mit einer relativen Bewegungsfreiheit: Reservisten, Hauptfeldwe-
bel, Angehörige der rückwärtigen Dienste.“215
Andererseits erleichterten seiner Ansicht nach das Fehlen österreichischer
Männer und die Lage vieler Dörfer die Übergriffe: „Eine ganze Reihe an
Faktoren begünstigte die Vergewaltigungen. Obwohl sie auf der Karte groß
wirkten, erwiesen sich die österreichischen Dörfer vor Ort als Ansammlun-
gen von auf den Hügeln verstreuten Häusern, die voneinander durch Wälder
und Schluchten getrennt waren. Häufig war das Schreien einer Frau von ei-
nem zum anderen Haus nicht zu hören. In den meisten Dörfern konnte man
keine Garnison, keine Kommandantur unterbringen. Folglich lag hier die ge-
setzgebende und ausführende Gewalt in den Händen des ersten durchreisen-
den Hauptfeldwebels.“216
211 Ebd., S. 23.
212 Ebd., S. 21.
213 Ebd., S. 96.
214 Ebd., S. 100f.
215 Ebd.
216 Ebd., S. 101.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918