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III. Formen der
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ler auf, doch verwendet er die Gespräche mit seinem Dolmetscher Jan Čepik
oder seinem Vorgänger als „Zampolit“ Ivan Aleksandrovič Perervin dazu,
dem Leser von zentralen Ereignissen vor seiner Ankunft in Wien zu berich-
ten. Obwohl der Autor nicht selbst dabei war, erweckt er durch die rekons-
truierten Repliken seiner Gesprächspartner den Anschein der Authentizität.
Damit gelingt es ihm, die heroischen Kampfhandlungen der Roten Armee,
die „sinnlose“229 amerikanische Bombardierung Wiener Arbeiterwohnsied-
lungen und Denkmäler oder die Zerstörungen der Donaubrücken durch die
„Faschisten“ ebenso zu integrieren wie die Angelobung der provisorischen
Regierung Renner oder die Ernennung von Theodor Körner, diesem „wun-
derbaren Alten“.230
Das Buch gliedert sich in die vier großen Kapitel: „Im befreiten Wien“, „Die
Stadt erhebt sich aus den Ruinen“, „Unerwartete Gäste“ und „Wir sind dei-
ne Freunde, Österreich!“, die wiederum jeweils rund ein Dutzend Unterka-
pitel umfassen. Jedes der Unterkapitel widmet sich einem Hauptthema, das
durch die Beobachtungen des Autors selbst oder die besagten Erzählungen
vermittelt wird. Dabei folgen auf ein, zwei Unterkapitel, die ein positives Bild
der sow jetischen Leistungen oder der österreichischen „Freunde“ zeichnen,
ein oder zwei Unterkapitel mit Feindbildern. Zu den negativ porträtierten
Gruppen zählen – abgesehen von den Nationalsozialisten – vor allem allzu
geschäftstüchtige Österreicher, katholische Priester und Angehörige der US-
Armee. Die Welt in „Venskie vstreči“ gliedert sich unmissverständlich in zwei
Lager, deren Schwarz-Weiß-Zeichnung keinerlei Grauschattierungen zulässt.
3.2.1 „Eine andere, uns fremde Welt“
Zu Beginn vermittelt Savenok den Eindruck, nur sehr ungern nach Wien ge-
fahren zu sein. „Ich nähere mich mit einem schweren Gefühl Wien. Sogar mit
einer gewissen Feindseligkeit gegenüber der fremden Stadt, als ob sie schuld
wäre, dass ich meine Familie lange nicht sehe.“231 Verstärkt wird diese Einstel-
lung noch durch die Beschreibung seines russischen Chauffeurs Sergej, der
sich über die deutsch sprechenden Österreicher ärgert. „Ich weiß: Sergej hängt
es auch zum Hals hinaus, im Ausland zu sein, er träumt von seinem ruhigen
Ostaškov, vom freien Plätschern des Seligers, von den unzähligen Inseln, vom
dichten, hohen Schilf, […] – und jetzt liegt ihm das alles rundherum nicht.“232
229 Savenok, Venskie vstreči, S. 322.
230 Ebd., S. 75.
231 Ebd., S. 12.
232 Ebd., S. 13.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918