Page - 752 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 752 -
Text of the Page - 752 -
III. Formen der
Erinnerung752
schiedlichen Kategorien von Menschen, mit denen die Sowjets in Wien kon-
frontiert waren. Die Betonung der vermeintlichen Schlauheit („chitrost’“) der
Feinde soll dazu dienen, die Schwierigkeiten des Dienstes in Österreich und
zugleich die großen Leistungen der sowjetischen Militärangehörigen in die-
ser fremden Umgebung hervorzuheben.
Am Beispiel eines Friseurs illustriert Savenok, wie sich manche Österrei-
cher den Sowjets anbiederten, um persönliche Vorteile zu bekommen. Aus-
giebig beschreibt der Autor zunächst das unsympathische Äußere des Fri-
seurs: „Er hinkt auffallend. Ist grell und geschmacklos angezogen: ein grünes
Kostüm, gewagte Lederstiefel, eine rosa Krawatte mit einer absurden blauen
Blume in der Mitte. Und all das wie vom Markt, kleinbürgerlich, mit billigem
Schick. […] Freche, gleichzeitig ängstliche Augen wie bei einem wilden Tier,
das bereit ist, hinterlistig zu beißen und sofort in die Büsche zu verschwin-
den. Und auf zehn Schritte Entfernung strömt er den Geruch eines billigen
Eau de Cologne aus.“238 Derartig eingestimmt, wird der Leser über den Hin-
tergedanken des 35-jährigen Mannes aufgeklärt: Sein Beitritt zur KPÖ soll
den Umzug seines Friseursalons in eine gute Lage ermöglichen. Perervin re-
agiert empört: „Soweit ich Sie verstanden habe, Herr Friseur, verlangen Sie
eine Belohnung von der Partei für die Ehre, Sie in ihre Reihen aufnehmen zu
dürfen?“ Mit den Worten: „Sie haben sich in der Adresse geirrt“, wirft er den
„ängstlich zwinkernden“ Friseur hinaus.239
Ähnlich abstoßend schildert Savenok einen Wiener namens Goc, den Pro-
totyp eines Vertreters der Bourgeoisie. Anscheinend verwendet der Autor
auffallende Krawatten mit Tier- oder Blumenmotiven als äußeres Zeichen
für Charakterschwäche: „Er hat aufgeblasene, bis zur Bläue rasierte Wangen.
Unter den von einem roten Spinnennetz durchzogenen Augen sklerotische
Tränensäcke. Eine grelle Krawatte mit einem Schmetterling. Am Finger ein
massiver Goldring – entweder mit einem erfundenen Wappen oder mit ei-
nem alten Siegel.“240 Im Laufe des Gesprächs blickt er „mit absichtlicher
Gleichgültigkeit auf seinen Ring“.241 Goc wird von Savenok somit durch eine
Eigenschaft ausgezeichnet, die sich mehrfach in der Sowjetliteratur bei der
Beschreibung von negativen, materiell interessierten Charakteren findet.242
Auch in diesem Fall korreliert sein Äußeres mit seinem Verhalten: Goc ver-
langt von Perervin ein höheres Honorar für die bereits vertraglich vereinbarte
Gestaltung von Grabsteinen und Denkmälern für gefallene sowjetische Sol-
238 Ebd., S. 59.
239 Ebd., S. 62.
240 Ebd., S. 41.
241 Ebd., S. 42.
242 Reitinger, Österreich in den Augen der Sowjetliteratur, S. 111.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918