Page - 759 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 759 -
Text of the Page - 759 -
3. Schriftliche Zeugnisse 759
Die Konfrontation von Freund und Feind entspricht zudem der in der
Sow
jetliteratur häufig vertretenen Ansicht, es gebe „zwei Wien“.266 Laut Save-
nok drückt sich dies etwa darin aus, dass Wien neben dem Stephansdom ein
zweites Wahrzeichen, das Denkmal auf dem Schwarzenbergplatz, bekam.267
Die Theorie zweier politischer Lager vermittelt er durch den Kommentar des
Kommunisten Weber: „In Wien gibt es noch die Abgrenzung – die einen zieht
es zu uns, die anderen zu den Sozialdemokraten. Heute ist sie noch nicht vor-
bei, die Trennung in zwei Wien … Mit einem Wort, klar ist eines: Man muss
um jeden Wiener kämpfen, kämpfen, ohne die Kräfte zu schonen.“268
Abschließend verwendet Savenok nochmals das Motiv der beiden Wien, die
beim Aufmarsch anlässlich des 1. Mai 1947 aufeinanderprallen. Die österreichi-
schen Kommunisten erinnern den Autor an den Maiaufmarsch auf dem Roten
Platz. Im Zentrum geht Koplenig mit „hoch erhobenem Kopf, und ein Früh-
lingswind zersaust seine langen, grauen Haare. […] Die Demonstranten tragen
Porträts von Marx, Engels, Lenin, Dimitrov, Koplenig. Über den Köpfen wehen
die Nationalfahnen Österreichs, rote Fahnen mit Sichel und Hammer, Losun-
gen, Blumengirlanden. Und in jeder Reihe fröhliche, frohe Gesichter, Scherze,
Lachen.“269 Der Anblick der Sozialisten erinnert ihn hingegen an ein Begräbnis:
„Ich denke mir, wie unähnlich sie [die Kolonne] unserer, der sowjetischen, ist:
keine Plakate, keine Porträts, keine Lieder. Sie gehen langsam, schweigend, als
ob gezwungen und nicht aus einem Herzensbedürfnis heraus.“270
3.2.6 Parteiliche Prinzipientreue: Tätigkeit der Sowjets
Eines der zentralen Ziele des Autors bestand darin, die Heldentaten der Ro-
ten Armee, die Hilfeleistungen der Sowjets in Österreich und die würdige
Erfüllung der Arbeit in der Stadtkommandantur zu betonen. Durch Hinweise
auf Schwierigkeiten und Hindernisse sollen die Leser diese Leistungen zu-
sätzlich schätzen lernen. Daher betont Savenok eingangs nicht nur, wie un-
gern er nach Wien fuhr, sondern er fragt sich zudem, ob er dieser schwierigen
Aufgabe unter den widrigen Umständen auch gewachsen sein und über aus-
reichend „parteiliche Prinzipientreue“271 verfügen würde.
Über einen Dialog mit Perervin verstärkt Savenok dieses Motto: „Jede un-
serer Gesten, jedes Wort, jede Entscheidung – das ist eine Geste, ein Wort,
266 Reitinger, Österreich in den Augen der Sowjetliteratur, S. 108.
267 Savenok, Venskie vstreči, S. 24.
268 Ebd., S. 54.
269 Ebd., S. 357.
270 Ebd., S. 356.
271 Ebd., S. 74.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918