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Resümee764
sow
jetischen Propagandapolitik hatte am 14. April 1945 ein „Pravda“-Artikel
von Georgij Aleksandrov, dem Chef der Propagandaabteilung des ZK der
VKP(b), mit dem Titel „Genosse Ėrenburg vereinfacht“ gesetzt. Entgegen den
bisherigen Vorgaben hatte sich der Propagandachef nun für ein differenzier-
tes Verhältnis zu den Deutschen ausgesprochen.
In Österreich wurde zudem auf der Basis der Moskauer Deklaration eine
klare Differenzierung zwischen „Deutschen“ und „Österreichern“ gefordert
– mit Ersteren sollte abgerechnet, das „friedliche österreichische Volk“ hin-
gegen verschont werden. Die Oberbefehlshaber der 2. und 3. Ukrainischen
Front, die Marschälle Rodion Ja. Malinovskij und Fedor I. Tolbuchin, gaben
entsprechende Befehle an ihre Truppen und Aufrufe an die österreichische
Bevölkerung mit den grundsätzlichen Zielen der sowjetischen Politik in Ös-
terreich heraus: Befreiung vom „faschistischen Joch“, Wiederherstellung der
Unabhängigkeit und eines normalen politischen Lebens sowie Kampf der Ro-
ten Armee „gegen die deutschen Besatzer und nicht gegen die Bevölkerung
Österreichs“. Nicht nur aufgrund derselben Sprache und Uniformen sahen
sich viele Besatzungssoldaten von dieser Vorgabe – zumindest anfangs –
überfordert.
Der „Einnahme Wiens“ am 13. April 1945 und der Befreiung Österreichs
gingen schwere Kämpfe voraus. Die militärische Widerstandsgruppe um
Major Carl Szokoll versuchte, durch eine Kontaktaufnahme mit der Roten Ar-
mee eine Zerstörung Wiens zu verhindern, wurde allerdings verraten. Major
Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Rasch-
ke, die zu Szokolls Stab gehörten, wurden von einem Standgericht zum Tod
verurteilt und am 8. April 1945 in Wien-Floridsdorf öffentlich gehenkt. Wenig
später ließ die sowjetische Spionageabwehr Szokoll und andere Widerstands-
kämpfer verhaften und verhören.
Nach offiziellen sowjetischen Angaben forderte die „Wiener Angriffsope-
ration“ 19.000 tote und 47.000 gefangene Offiziere und Soldaten deutscher
Einheiten sowie 18.000 gefallene sowjetische Soldaten. Insgesamt beziffert
die sowjetische Geschichtsschreibung die Verluste der Roten Armee auf ös-
terreichischem Gebiet mit mindestens 26.000 Mann. Stalin ließ die Einnahme
Wiens am 13. April in Moskau mit dem Salut von 24 Salven aus 324 Geschüt-
zen und einem großen Feuerwerk feiern. Allein 270.000 sowjetische Soldaten
bekamen den Orden „Za vzjatie Veny“ („Für die Einnahme Wiens“) verlie-
hen. Bis heute stellt der 13. April für diese Veteranen einen Feiertag dar.
Nach dem „Wettlauf der Armeen“2 war Österreich im Mai 1945 militä-
risch sechsfach besetzt. Den weitaus größten Gebietsanteil hatten die Sowjets
2 Portisch, Am Anfang war das Ende, S. 333.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918