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Resümee772
würden. Man sah die Frauen zudem als gefährliche Werkzeuge westlicher
Geheimdienste, da sie den „verzauberten“ Rotarmisten über ihre intimen
Verhältnisse Militär- und Staatsgeheimnisse entlocken würden. Mindestens
fünf Österreicherinnen, die intime Beziehungen zu sowjetischen Besatzungs-
angehörigen pflegten, wurden wegen antisowjetischer Spionage zum Tod
verurteilt und in Moskau erschossen. Doch auch ohne Spionageabsicht ver-
führten sie – so die interne Einschätzung – sowjetische Armeeangehörige zu
schwerwiegenden Vergehen wie Desertion und Vaterlandsverrat.
Rund 240.000 Frauen wurden allein in Wien und Niederösterreich Opfer
von Vergewaltigungen. Ein Teil der Frauen überlebte die Tat nicht. Sie wur-
den getötet, starben an den Folgen von Misshandlung oder Krankheit, begin-
gen Suizid. Viele trugen bleibende gesundheitliche Schäden, etwa durch die
Infektion mit einer Geschlechtskrankheit, davon. Doch auch die seelischen,
psychologischen Folgen konnten verheerend sein. Für einige war danach ihr
Verhältnis zu Männern gestört, manchmal ihr ganzes Leben lang. Manche er-
fuhren von der eigenen Familie und der Nachbarschaft soziale Ächtung. Aus
Angst vor Diskriminierung versuchten viele, das Thema „totzuschweigen“
und erlitten dadurch noch eine zweite Traumatisierung. Die Zahl der Abtrei-
bungen oder der Kinder, die nach einer Vergewaltigung auf die Welt kamen,
wird immer im Dunkeln bleiben.
Wie bei anderen Vergehen, versuchte die Armeeführung durch mehrere
Maßnahmen Herr der Lage zu werden. Laut NKVD-Befehl vom 8. März 1945
waren sämtliche Fälle „von ungesetzlichen Taten von Angehörigen der Ro-
ten Armee gegenüber der örtlichen Bevölkerung (Raub, Vergewaltigung von
Frauen usw.)“ zu ahnden.8 Konnten die Täter überführt werden, verurteilten
sie die Militärtribunale zu fünf Jahren Besserungsarbeitslager (ITL), die sich,
speziell bei Soldaten mit guter Kampfbilanz, auf zwei Jahre oder weniger re-
duzieren ließen. In einigen Fällen sind auch Todesstrafen belegt. Hier ging es
nicht nur um die militärische Disziplin innerhalb der Einheiten, sondern auch
um den Ruf der Roten Armee im befreiten Österreich.
Allerdings erwies sich die Trias aus Kontrolle – Schulung – Bestrafung
in vielen Fällen als nicht effektiv. Trotz der klaren Anordnung, „unmorali-
schem“ Verhalten der Sowjetsoldaten einen Riegel vorzuschieben bzw. Ver-
gehen sofort zu ahnden, blieben zahlreiche sexuelle Übergriffe – im wahrsten
und im übertragenen Sinn des Wortes – im Dunkeln. Dem Ansehen der Ro-
8 RGVA, F. 32917, op. 1, d. 7, S. 96, Befehl Nr. 0511 des Kommandanten des 335. NKVD-Grenzregi-
ments, Oberstleutnant Zacharčuk, und des provisorischen Stabschefs des Regiments, Hauptmann
Kudrjavcev, über die Ahndung von Vergehen von Angehörigen der Roten Armee, 8.3.1945. Abge-
druckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 117.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918