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August 1848
rend man anderseits doch nicht so recht weiß, was ich vorstelle. Auch stehe
ich als repräsentant einer halb und halb revolutionären gewalt so ziem-
lich in der mitte zwischen der alten und der neuen diplomatie. namentlich
aber genirt mich Bunsen, welcher schon lange hier, selbst halb engländer,
hier eine bedeutende stellung hat, zum glücke ist kein österreichischer
Botschafter da, und mit koller bin ich auf sehr gutem fuße, aber soviel
ist gewiß, daß die Position eines deutschen reichsgesandten à la longue
unhaltbar seyn wird, wenn oesterreich und Preußen ihre gesandten nicht
abberufen.
Aus allen diesen ursachen weiß ich nicht, ob ich wünschen soll, stabil
hier zu bleiben, wie dieses Anfangs mein geheimer gedanke war, ich weiß,
daß Bunsen und die preußische regierung für ihn es wünscht, daß er die
deutsche reichsgesandtschaft mit übernehme, was ich im interesse des
Ansehens, welches die centralgewalt sich im Auslande geben muß (und
welches sie unläugbar jetzt noch nicht in dem maaße besitzt, als es der fall
seyn sollte), nicht billigen würde. Auch ist heckscher nach dem, was er mir
in frankfurt sagte, nicht geneigt darauf einzugehen.
ich bliebe gerne noch durch einige Zeit in einer diplomatischen Anstel-
lung, lieber im dienste oesterreichs als der centralgewalt, denn dieser letz-
teren kann ich nur mit halbem Herzen dienen, und sollte ein Conflict mit
dem österreichischen interesse eintreten, was z.B. in der italienischen sa-
che leicht geschehen könnte, so würde ich ohne weiters abtreten. nebstdem
würde ich mich als österreichischer gesandter in einer klareren stellung
befinden als jetzt. Hier als österreichischer Gesandter zu bleiben, würde
ich eben nicht wünschen (obwol dieses nach dem, was mir Wessenberg und
erzherzog Johann sagten, leicht geschehen könnte), denn mir behagt we-
nigstens bis jetzt existenz, lebensart und clima nicht, namentlich letz-
teres, man sieht ja kaum jemals die sonne, und das Wetter ist hier schon
kühl, neblicht und unfreundlich so wie bey uns im october.
das Angemessenste für mich und meine zukünftige politische rolle wäre
wohl, wenn ich österreichischer Bevollmächtigter bey der centralgewalt
würde, was aber, wenn es sonst geschehen wäre, durch meine sendung
nach london wohl unmöglich geworden seyn wird, da man in Wien nicht
wissen kann, wie lange ich hier bleiben muß, ebensowenig wie ich dieses
weiß. mir war jene stelle gleich in allem Anfange wiederholt angebothen
worden, ich aber lehnte sie ab, gegen schmerling sowie in Wien gegen dobl-
hoff, weil ich damals ihre ganze Bedeutung nicht einsah. Jedenfalls will
ich noch eine Zeit lang von Wien wegbleiben, weil es noch durchaus nicht
den Anschein hat, als ob die dinge dort sich fester gestalten wollten, trotz
der Ankunft des kaisers nimmt die unordnung nicht ab, am 23. hat es dort
wieder einen argen krawall gegeben. Jetzt kömmt auch noch eine religiöse
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien