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September 1848
hat. heckscher, schmerling und leiningen aber werden wahrscheinlich als
opfer fallen. Banks ist das Portefeuille des Äußern angetragen, und er geht
morgen ab.
daß dadurch das Ansehen der centralgewalt nach Außen und daher
meine hiesige stellung nicht gewonnen hat, ist natürlich, ebensowenig
wird es mit dem Ansehen der nationalversammlung in deutschland der
fall seyn, hier ist die entrüstung allgemein. die verweigerung der geneh-
migung des Waffenstillstandes wäre ein offener Bruch mit england und
frankreich, und was noch weit wichtiger ist, mit Preußen, da liegt der kno-
ten, daß Preußen seine vollmacht überschritten hat, leidet keinen Zwei-
fel, aus Bedürfniß nach frieden und aus gegründeter scheu vor den 600
staatsmännern in der Paulskirche. Auch war es wohl hauptsächlich dieser
formfehler, d.i. in anderen Worten die ewige frage der unterordnung der
einzelgewalten unter die centralgewalt, welche die nationalversammlung
bey ihrer Abstimmung im Auge hatte. Aber ist sie stark genug, um Preußen
zu provociren? ich glaube es nicht, ein désavouiren des Waffenstillstands
wäre der todesstoß für deutschlands einheit. raumer schreibt mir aus
Paris, daß seine stellung daselbst seitdem noch schwieriger geworden, und
er gar keine Aussicht hat, zu einer Audienz bey cavaignac zu gelangen!
und er hat (was ich sehr mißbillige und es ihm auch schrieb) in folge der
Abstimmung vom 5. seine stelle niedergelegt, also unverrichteter dinge,
seine mission wird dadurch zu einem completen fiasco, womit sich schon
die Zeitungen zu beschäftigen anfangen, dieß ist auch für mich sehr un-
angenehm, überhaupt bin ich mir nicht recht behaglich, die vielen deut-
schen gesandten, qui rient jaune, wenn sie mich sehen, und meine regie-
rung, die mich sitzen lässt und am ende selbst im drecke sitzen bleibt.
Was mich hier festhält, ist die hoffnung, oesterreich in der italienischen
sache nützen zu können. dann aber möchte ich so bald wie möglich wieder
nach oesterreich oder doch in eine eigentlich österreichische stellung zu-
rückkehren, denn dort scheinen sich die dinge endlich besser zu gestalten,
und der Augenblick scheint gekommen, wo man die idee der lostrennung
einleitung von friedensverhandlungen das erforderliche wahrzunehmen.“ der Waffen-
stillstand war Andrian mit datum v. 4.9.1849 von Josef v. Würth, unterstaatssekretär
im reichsinnenministerium, übersandt worden (k. 114, umschlag 663). Würth, der zur
minderheit im kabinett gehörte, die eine Annahme des vertrags ablehnte, aber trotz der
kabinettsfrage mit einer niederlage des ministeriums im Parlament rechnete, begründete
seine haltung so: eine Ablehnung sei zwar „beinahe eine kriegserklärung gegen Preußen
und vielleicht gegen halb europa. Wir sind uns der größe der gefahr vollkommen bewußt,
aber wir meinen, daß ohne ein so energisches Auftreten die centralgewalt und mit ihr die
einheit deutschlands vernichtet wäre. […] mit Preußen stehen wir so schlimm, daß ein
Bruch, wie er jetzt kommt, ohnehin unvermeidlich ist.“
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien