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16920.
September 1848
[london] 20. september
die nationalversammlung hat nach einer dreytägigen debatte den Waf-
fenstillstand mit einer mehrheit von 21 stimmen genehmigt, eine so kleine
majorität ist ein schlechter Anfang für das neue ministerium. dieses ist
übrigens noch nicht gebildet, dahlmann und nach ihm hermann haben den
Auftrag, ein solches zu bilden, nach fruchtlosen versuchen zurückgelegt. es
dürfte jetzt wohl das abgetretene mit wenigen Ausnahmen (heckscher, der
gerade der fähigste von ihnen ist, sich aber bey dieser sache natürlich am
meisten compromittirt hat, und schmerling) wieder eintreten. das scheint
mir das natürlichste, da ja das ministerium nun eine, freilich schwache
mehrheit für sich hat.
der friede ist demnach gewahrt, übrigens glaubte ich nie an einen
krieg, obwohl der Ausgang der debatte in der Paulskirche bis zum letzten
momente sehr ungewiß war, es scheint überhaupt seit dem 5. eine völlige
desorganisation der Parteyen stattgefunden zu haben, wie ich auch aus
andern Abstimmungen bemerke, die linke scheint terrain zu gewinnen,
eine beunruhigende erscheinung.
das Ansehen der nationalversammlung scheint durch diese vorgänge sehr
gelitten zu haben. die hiesigen Blätter sprechen nur mehr mit hohn von den
„german theorisers“, und selbst die größern deutschen Zeitungen stimmen
zum theile mit ein. Auch die centralgewalt leidet wie natürlich unter dieser
mißachtung. überhaupt ist es jetzt ein moment der krisis, wenn die central-
gewalt sich jetzt nicht fester an die regierungen schließt, ein provisorisches
staatenhaus hervorruft, sodann aber ganz energisch auftritt, so ist sie und
mit ihr die einheit deutschlands verloren. ich habe gestern eine lange depe-
sche geschrieben, worin ich mich über die Art der zukünftigen vertretung der
centralgewalt im Auslande aussprach und die Ansicht, welche viele, und na-
mentlich Banks, haben, daß man nämlich die diplomatie der centralgewalt
den gesandten irgend eines deutschen staates anvertrauen solle, entschie-
den bekämpfte und verlangte, die centralgewalt solle von Preußen die Ab-
berufung seines gesandten fordern, dagegen aber in der Wahl der reichsge-
sandten und der ganzen äußern deutschen Politik ein fortwährendes einiges
verständniß zwischen frankfurt und Berlin eintreten lassen. Auch muß die
einmischung der nationalversammlung in die auswärtige Politik thunlichst
beschränkt werden, sonst wird, namentlich bey der grenzenlosen unfähigkeit
der nationalversammlung in solchen dingen, jede verhandlung unmöglich.
endlich aber muß, was ich dem erzherzog Johann auch mündlich sagte, der-
selbe eine andere stellung einnehmen, er ist nicht ein constitutioneller schat-
tenkönig, sondern ein dictator, als solchen hat ihn die nationalversammlung
gewählt, nicht als eine bloße unterschreibmaschine. er muß regieren, die
nationalversammlung muß die verfassung machen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien