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Tagebücher174
ich habe einen langen Artikel über oesterreichs verhältniß zu deutsch-
land losgelassen, wir wollen sehen, wie der aufgenommen wird. übrigens
drängt man jetzt in deutschland immer mehr auf entscheidung dieses
zweifelhaften verhältnisses oesterreichs, und nach und nach werden
immer mehrere stimmen laut, welche die unmöglichkeit eines Aufge-
hens von oesterreich in deutschland behaupten. in Wien ist ohnehin die
schwarzgelbe reaktion bedeutend im Zunehmen, ebenso am österreichi-
schen reichstage.
die niederlage der ungarn ist vollkommen. Jellachich steht vor Pesth.
niemand, selbst die Bürger- und nationalgarde nicht, wollen gegen ihn
kämpfen. erzherzog stephan, der misérable Wicht, hat seine stelle nieder-
gelegt und sitzt auf einem seiner güter. fml lamberg ist zum kaiserlichen
commissär zur Ausgleichung ernannt, kurz der stern oesterreichs ist wie-
der im Aufnehmen.
ich lebe hier in einer unthätigkeit, die mir sehr ungelegen ist. die diplo-
matie ist ein handwerk für nichtsthuer, und ich habe das schon ziemlich
satt, so sehr auch sonst mein Wunsch darnach ging. man bleibt dabey im-
mer nur maschine, und jeder Abgeordnete in der Paulskirche ist eine wich-
tigere Personage oder kann sich doch zu einer wichtigeren machen, als ich
es bin, trotz allem äußeren Glanze meiner Stellung. Daran finde ich jetzt
keinen geschmack mehr, dazu ist die Zeit zu ernst.
dessenungeachtet bin ich den ganzen tag über beschäftigt, mit Zeitun-
gen, Briefen, Billets, visiten etc., wohl auch mit eigentlichen Arbeiten. so
habe ich z.B. so eben für schomburgk eine Art mémoire über die deutschen
verhältnisse an lepel (den ich sonst zu gar nichts brauchen kann) diktirt,
damit er es dann zu Aufsätzen in englische Blätter benützen könne.
neulich aß ich bey lady Blessington mit louis Blanc, der mir ganz und
gar nicht gefiel, mir kömmt er wie ein unbedeutendes Individuum vor.
in frankfurt herrscht viele energie, auf dem Papiere und in Worten, in
der that sehe ich aber noch immer nicht viel davon. das martialgesetz ist
noch nirgends in Ausführung gekommen, nicht einmahl gegen den gefange-
nen struve, es ist noch gegen kein einziges mitglied der nationalversamm-
lung eingeschritten worden. in Berlin hat das ministerium sich durch das
geschrey der linken einschüchtern lassen und den Belagerungszustand
kölns wieder aufgehoben, kurz ich sehe noch nirgends die energischen ver-
nichtenden schläge, welche ich erwartete und hoffte, kein Wunder, daß
die Anarchie, welche seit 3 Wochen über deutschland hereingebrochen ist,
nicht aufhören will. Würtemberg, Baden, beyde hessen, köln, thüringen,
münchen, Breslau sind jetzt in einem Ausnahms- i.e. Aufruhrszustande,
die beyden foyers Wien und Berlin nicht zu rechnen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien