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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band II
Seite - 174 -
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Tagebücher174 ich habe einen langen Artikel über oesterreichs verhältniß zu deutsch- land losgelassen, wir wollen sehen, wie der aufgenommen wird. übrigens drängt man jetzt in deutschland immer mehr auf entscheidung dieses zweifelhaften verhältnisses oesterreichs, und nach und nach werden immer mehrere stimmen laut, welche die unmöglichkeit eines Aufge- hens von oesterreich in deutschland behaupten. in Wien ist ohnehin die schwarzgelbe reaktion bedeutend im Zunehmen, ebenso am österreichi- schen reichstage. die niederlage der ungarn ist vollkommen. Jellachich steht vor Pesth. niemand, selbst die Bürger- und nationalgarde nicht, wollen gegen ihn kämpfen. erzherzog stephan, der misérable Wicht, hat seine stelle nieder- gelegt und sitzt auf einem seiner güter. fml lamberg ist zum kaiserlichen commissär zur Ausgleichung ernannt, kurz der stern oesterreichs ist wie- der im Aufnehmen. ich lebe hier in einer unthätigkeit, die mir sehr ungelegen ist. die diplo- matie ist ein handwerk für nichtsthuer, und ich habe das schon ziemlich satt, so sehr auch sonst mein Wunsch darnach ging. man bleibt dabey im- mer nur maschine, und jeder Abgeordnete in der Paulskirche ist eine wich- tigere Personage oder kann sich doch zu einer wichtigeren machen, als ich es bin, trotz allem äußeren Glanze meiner Stellung. Daran finde ich jetzt keinen geschmack mehr, dazu ist die Zeit zu ernst. dessenungeachtet bin ich den ganzen tag über beschäftigt, mit Zeitun- gen, Briefen, Billets, visiten etc., wohl auch mit eigentlichen Arbeiten. so habe ich z.B. so eben für schomburgk eine Art mémoire über die deutschen verhältnisse an lepel (den ich sonst zu gar nichts brauchen kann) diktirt, damit er es dann zu Aufsätzen in englische Blätter benützen könne. neulich aß ich bey lady Blessington mit louis Blanc, der mir ganz und gar nicht gefiel, mir kömmt er wie ein unbedeutendes Individuum vor. in frankfurt herrscht viele energie, auf dem Papiere und in Worten, in der that sehe ich aber noch immer nicht viel davon. das martialgesetz ist noch nirgends in Ausführung gekommen, nicht einmahl gegen den gefange- nen struve, es ist noch gegen kein einziges mitglied der nationalversamm- lung eingeschritten worden. in Berlin hat das ministerium sich durch das geschrey der linken einschüchtern lassen und den Belagerungszustand kölns wieder aufgehoben, kurz ich sehe noch nirgends die energischen ver- nichtenden schläge, welche ich erwartete und hoffte, kein Wunder, daß die Anarchie, welche seit 3 Wochen über deutschland hereingebrochen ist, nicht aufhören will. Würtemberg, Baden, beyde hessen, köln, thüringen, münchen, Breslau sind jetzt in einem Ausnahms- i.e. Aufruhrszustande, die beyden foyers Wien und Berlin nicht zu rechnen.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band II
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
II
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
716
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Tagebücher 1848–1853 7
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