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Oktober 1848
unglücklichen Begebenheiten und das hinterlistige Benehmen in der kroa-
tischen sache hat den nationalitätshader wieder aufgestachelt, der sich
legen zu wollen schien, und in die Armee einen bedenklichen Zwiespalt ge-
worfen, der glaube an die unerschütterliche treue dieser letztern ist wan-
kend geworden. inzwischen okkupirt rußland die donauprovinzen, und
wenn carl Albert wieder losschlägt, so ist das ende auch nicht zu berech-
nen.
in dieser Beziehung habe ich letzter tage auf eigene faust diplomatie
gemacht, ich glaube nicht, daß viele den muth gehabt hätten, dieses zu
thun, doch glaube ich auch, daß ich oesterreich dadurch bedeutend genützt
und eine Wiederaufnahme der feindseligkeiten in italien verhindert habe.
ich sprach nämlich von einem deutschen Beobachtungscorps von 50.000
mann an der reichsgrenze (verona) als von einer ausgemachten sache.
Beau mont kam deßhalb zu mir, und ich paktirte förmlich mit ihm, den diese
demonstration sehr zu beunruhigen schien. das resultat unserer langen
unterredung wird wohl seyn, daß Piemont ruhe hält, und die conferenzen
ihren Anfang nehmen, sobald es ein österreichisches ministerium gibt. ich
hoffe nun nur, daß man mich in frankfurt nicht sitzen läßt, dann kann ich
mit scipio sagen: ich bekenne, daß ich das vaterland gerettet habe.
Palmerston, den ich heute sprach, will, solange dieser provisorische Zu-
stand der deutschen centralgewalt dauert, von stabilen gesandten nichts
wissen, dieses sey gegen gebrauch und herkommen, im grunde ist dieses
eine formsache und nichts mehr. Wie sich die frage wegen der reichs- und
der preußischen gesandtschaften lösen wird, ob ich, oder Bunsen, oder wir
beyde hier bleiben, darüber weiß ich noch nichts.
[london] 28. oktober
Palmerston schrieb mir neulich, er wünsche mich zu sprechen, es war we-
gen des bewußten (von mir erfundenen) Beobachtungskorps gegen italien,
welches ihm sehr ungelegen zu seyn schien, ich aber blieb fest dabey, die
Centralgewalt sey verpflichtet, die Reichsgrenzen zu wahren, doch werde
kein mann die österreichische grenze überschreiten, solange carl Albert
nicht losschlage. Palmerston wollte dann noch einmal mich bereden, daß
man von frankfurt aus oesterreich zur Abtretung der lombardie an Pie-
mont stimmen möchte, ich erklärte aber, daß das Äußerste, wozu man sich
in olmütz1 verstehen und in frankfurt anrathen werde, eine Personal-
union der lombardie mit oesterreich, mit lega italiana, neutralität etc.
seyn werde.
1 der kaiserliche hof und ministerpräsident Johann Philipp frh. v. Wessenberg waren vor
der Wiener Oktoberrevolution ins mährische Olmütz geflüchtet.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien