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nationalversammlung (vielleicht wäre es besser gewesen, ich wäre auch ge-
gen seine unverantwortlichkeit gewesen), ich war endlich immer dagegen,
daß der reichsverweser sich, wie geschehen ist, zu einem constitutionellen
Popanz hergebe, und das ministerium einerseits ihn in den hintergrund
stelle, anderseits sich zum commis der nationalversammlung erniedrige,
und diese letztere dadurch zu einer Art von convent werde, aus diesem
letztern mißstande rührt die ganze mißliche lage des reichsministeriums.
den erzherzog fand ich auch sehr herabgestimmt, übrigens ist er in sei-
nen ideen unklar und schwankend, ohne energie, und hat sich gar keine
Position zu geben gewußt, ich hatte nicht sehr viel, aber doch mehr von ihm
erwartet. die stumme renitenz Preußens hat von Anfang an Alles paraly-
sirt, jedoch, wenn nicht die gewalt der umstände dennoch Preußen begün-
stigt, zu seinem eigenen schaden, denn hätte Preußen sich in der unter-
werfung unter die provisorische centralgewalt vorangestellt, so hätte ihm
jetzt, wenn oesterreich austritt, niemand die hegemonie streitig gemacht.
Was ich unter diesen umständen thun werde, ist mir noch nicht klar,
wie überhaupt noch so manches. fritz deym ist hier,1 Projektemacher wie
immer, sehr schroff und partikularistisch, aber wie es scheint ohne allen
Einfluß, er meint, wir, d.h. hauptsächlich Schmerling und ich, sollten eine
gelegenheit erspähen, um mit éclat abzutreten, um uns für oesterreich
möglich zu erhalten. schmerling ist unklar, ohne politische tragweite, nur
mann des Bureaugeschäftes und der energischen that, ich werde mich
wohl während meines hiesigen, kurzen, Aufenthaltes entscheiden müssen,
und da es nun zu den italienischen conferenzen wahrscheinlich gar nicht
mehr kommen wird, so fällt allerdings der hauptgrund meines weiteren
verbleibens im dienste der centralgewalt weg, aber was soll ich dann an-
fangen? Anderseits wird meine baldige rückkehr nach london gewünscht,
um die dänischen verhandlungen zu beginnen, wiewohl auch da nichts
entscheidendes geschehen kann, so lange die französische regierung nicht,
durch die Präsidentenwahl, constituirt ist, überhaupt sehe ich in dieser lei-
digen schleswigschen geschichte kein baldiges, überhaupt vor der hand
gar kein ende, werde also auf keinen fall diese Angelegenheit zu ende
führen, in den herzogthümern wünscht man sehr, daß Bunsen damit be-
auftragt werde, obwol weder dänemark, noch england, noch rußland die-
sen Wunsch theilen, auch ist meine stellung als oesterreicher eine ebenso
falsche als die schmerlings, kurz auch in dieser Beziehung gibt es schwie-
rigkeíten, während ich es nicht zugeben kann, daß, solange ich in london
bin, Jemand anderer damit beauftragt werde (mit Bunsen als dem bishe-
1 Graf Friedrich Deym war im böhmischen Wahlkreis Bydžov-Hohenelbe gewählt worden
und am 16.9.1848 in die nationalversammlung eingetreten.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien