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Tagebücher196
natürlich keine lust von hier fortzugehen, wiewohl ich mich auch hier
nichts weniger als heimisch und behaglich fühle. Auch meine stellung in
london wird ja durch den sichtbaren verfall der centralgewalt immer un-
angenehmer.
hier spreche ich mich fortwährend und mit aller entschiedenheit für den
Austritt oesterreichs und Preußens hegemonie aus. Am liebsten wäre es
mir freilich, man käme auf den alten Bundestag in verbesserter form zu-
rück, ließe daneben eine vertretung der völker durch vereinigte Ausschüsse
der einzelnen ständekammern zu und concentrirte nur deutschlands politi-
sche vertretung nach Außen. dabey bliebe oesterreich der vorsitz. um auf
ein solches Projekt zurückzukommen, sind wir aber jetzt schon zu weit, oder
noch nicht weit genug. daher bleibt jetzt nichts übrig als Preußens vortritt,
ob dieser möglich ist, d.h. ob Bayern, hannover und die katholiken dieses
zugeben werden, kann nur die folge lehren, ich aber spreche entschieden,
denn diese unklaren verhältnisse sind mir in den tod zuwider. Aus oester-
reich kommen alle tage noten, eine entschiedener als die andere, und ich
glaube, daß der antideutsche geist im volke und im cabinette jetzt so hoch
geht, daß selbst ich trotz meiner hiesigen Wirksamkeit dort als ein schwarz-
rothgoldener angesehen werden werde, überhaupt scheint meine Zeit dort
weniger als vorher unter dem frühern ministerio gekommen zu seyn, das
jetzige ist oder scheint stark und stützt sich ganz entschieden auf antideut-
sche sympathieen und vorurtheile, mitunter wohl auch auf reaktionäre An-
sichten, die alten menschen kommen wieder zum vorschein, ob auf lange
Zeit? Wenn also meine hiesige stellung zusammenbricht, was in der einen
oder anderen Weise längstens binnen ein paar monathen geschehen wird,
so wird meine nächste Zukunft wohl die seyn, daß ich nach oesterreich in
ein „dignified otium“ zurückkehre und meine Zeit abwarte, wenn diese je-
mals wieder kömmt, die jetzige regierung aber scheint die rancune und vor-
nehme Abgeschlossenheit der metternichschen geerbt zu haben.
Zsédényi und heinrich Zichy sind hier und haben mir interessante dé-
tails aus Ungarn erzählt. Alles was sich retten kann, flüchtet. Auch Mer-
veldt sprach ich, der mit erzherzog ferdinand hier ist, der intelligenteste
Ausdruck der gesinnungen des hofes und der erzherzogin sophie, meine
conversation mit ihm war beynahe Wort für Wort den vielen unerquick-
lichen discussionen ähnlich, welche ich jetzt vor einem Jahre in Wien im
Casino mit Lato Wrbna zu haben pflegte. – – Nichts gelernt und nichts
vergessen.
[frankfurt] 14. december
endlich ist das ministerium zu einem Beschlusse gekommen. morgen oder
übermorgen will es nämlich von der nationalversammlung die ermäch-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien