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Dezember 1848
damit während der verhandlungen wenigstens ein erträglicher status quo
bewahrt werde.
das Ansehen der centralgewalt verfällt rasch, die sonderbestrebungen
der regierungen werden immer lauter, der unerklärliche ministerwechsel
in Bayern scheint auch dahin zu deuten.1 Auch das scheint mir noch nicht
so ausgemacht, ob es oesterreich gelingen werde, sich so zu constituiren,
wie wir es wünschen.
mich ergreift nach und nach ein ekel und eine langeweile, wie ich sie
schon lange nicht empfunden habe, sollte es müdigkeit und überdruß seyn?
ich hoffe nicht, sondern daß dieses bloß vorübergehend seyn werde. für den
Augenblick aber sehne ich mich nach ruhe, ja sogar, was mir früher nie
geschah, nach einer häuslichkeit und landleben! um auszuruhen und mich
innerlich zu fassen.
Den Christabend habe ich heute bey Gräfinn Bergen zugebracht, der ich
überhaupt die wenigen angenehmen stunden meines frankfurter lebens
verdanke.
london, 31. december Abends
Am 25. früh 11 uhr verließ ich frankfurt und nahm wieder denselben Weg
zurück, schlief am 1. Tage in Coblenz (Gräfin Bergen hatte mir einen Rei-
sewagen geliehen), am 2. in Aachen, am 3. in lille und kam am 28. Abends
11 uhr hier an.
ich sinne und trachte nun, bald von hier fortzukommen, obwol ich zu der
österreichischen discussion, welche vielleicht schon am 3. beginnt, keines
falls mehr zurecht komme. leider ist Palmerston in Broadlands, daher sich
meine Audienz bey der königinn verzögern dürfte, jedoch war ich heute in
Windsor bey stockmar (zu dem ich in einem sehr freundschaftlichen ver-
hältnisse stehe) und hoffe, durch ihn bald zu einer Audienz zu gelangen,
ist dieß geschehen, so kann ich abreisen, meiner Berechnung nach dürfte
dieß in etwa 8 tagen geschehen, je eher, desto lieber, denn erstlich habe ich
jetzt hier nichts mehr zu thun, und dann ist mir daran gelegen, daß mein
definitiver Austritt durch meine Abreise beurkundet werde. Bunsen, Stock-
mar etc. sind über meinen Brief an meine Wähler entzückt, und das hiesige
ministerium theilt meine Ansichten über das verhältniß oesterreichs zu
deutschland.
sonst gibt es hier nichts neues, das alte einförmige leben, wenn ich bald
von hier wegkomme, will ich auf etwa 8 tage nach Paris gehen, um mir die
dortigen dinge zu besehen und mich eine Zeit lang ein bischen zu amusiren.
1 Am 19.12.1848 trat Andrians Bekannter, der bayerische innenminister frh. gustav v. ler-
chenfeld zurück.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien