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Tagebücher220
oesterreich unter diesen umständen und ohne eine bestimmte forderung
auszusprechen, auch noch mit der nationalversammlung streit anbindet.
es ist noch immer die alte unklarheit, welche keinen andern Ausweg sieht
als Austritt oder Zurückkommen auf den alten Bund, oder die alte verblen-
dung, daß dieses Zurückkommen jetzt noch möglich sey.
so beurtheile ich die note. Andere, darunter sehr viele oesterreicher, ge-
ben Alles verloren, lamentiren und wollen austreten, selbst schmerling, der
eine bündige erklärung: oesterreich tritt dem Bundesstaate bey, erwar-
tete, sprach gestern davon, daß er abreisen wolle, hat aber heute sich eines
Besseren besonnen und findet nun Alles charmant, ein schlangenglatter
Aal wie er ist. Wie gagern es nehmen wird, weiß ich noch nicht, aber in der
nationalversammlung wird es feuer und flamme geben und die chancen
Preußens ungemein verstärken.
ich denke jetzt noch ernstlicher daran, nach olmütz zu gehen und dort
meinen Plan vorzulegen, es ist nicht zu spät dazu, im gegentheile, die
leute hier in deutschland müssen erst recht mürbe werden, um auf den-
selben einzugehen.
Bunsen ist heute nach Berlin zurück, nachdem er hier viel schwadron-
nirt und perorirt hat. man ist hier auf das englische Projekt wegen der
sonderstellung schleswigs nach beyden seiten hin eingegangen.
die preußische kaiseridee, ja selbst Preußens oberhauptschaft ohne je-
nen titel hat nun allerdings einen starken stoß erlitten. ich habe sie nie
für ausführbar gehalten, selbst wenn sie hier durchgegangen wäre, was bey
der dummheit unserer Professoren nicht unmöglich ist, ich bin daher jetzt
mehr als je für ein directorium von Preußen, Baiern und einem 3.
[frankfurt] 12. februar
heute wurde die österreichische note1 in der nationalversammlung verle-
sen und nach einigem hin- und herreden an den verfassungsausschuß ge-
wiesen. nachher besprach ich mich lange mit gagern im ministerium. die
bayerische kammer hat sich nämlich am 9. mit großem eclat und einstim-
mig gegen das preußische Principat und für das verbleiben oesterreichs
im Bunde um jeden Preis ausgesprochen, ja sogar zu verstehen gegeben,
daß mit oesterreich auch Bayern ausscheiden werde. Ähnliche erklärun-
gen werden nun von sachsen (wo der Particularismus einer ultraradicalen
kammer herrscht) und vielleicht auch von hannover erwartet, und trotz
dem Einflusse und der Entschiedenheit Camphausens halte ich es für sehr
wahrscheinlich, daß der könig von Preußen unter diesen umständen einem
Conflicte mit Oesterreich ausweichen und seine Note vom 23. im Wesentli-
1 Zur note v. 4.2.1849 siehe eintrag v. 2.2.1849.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Volume II
- Title
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Subtitle
- Tagebücher 1839–1858
- Volume
- II
- Author
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Editor
- Franz Adlgasser
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2011
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 716
- Keywords
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Category
- Biographien